Hans im Glück 2

Fortsetzung des Artikels „Hans im Glück 1„.

Haben oder Sein

Die „Zeitgeist“-gemässe Interpretation des Märchens, die natürlich in vielen aktuellen Workshops gelehrt wird. könnte man z.B. mit den Schlagwörtern Haben oder Sein (Erich Fromm) zusammenfassen.

Nur um das klarzustellen, ich habe (es ist schon Jahrzehnte her) mit Begeisterung dieses und andere Bücher von Fromm gelesen; im folgenden hinterfrage ich kritisch die „Haben oder Sein“-Interpretation des Märchens, nicht die immer noch gültige, scharfsinnige, sozialpsychologische Auseinandersetzung mit zwei deutschen Hilfszeitwörtern.

Hans weiss intuitiv, dass sein wahres Glück nicht im materiellen Besitz sondern in der unbeschwerten Glückseligkeit der Befreiung von allem materiellen Besitz liegt. Diese Bedeutung kann deshalb auch gut mit einem anderen Zeitgeist-Thema kombiniert werden: dem Loslassen.

„Hans im Glück“ wird so zur Metapher für das Loslassen des materiellen Habens zugunsten von, ja von was denn? Das „Heim zu Muttern“ will mich als Lebensziel auch nicht ganz befriedigen.

Wenn ich den Text genauer lese, ist vom Loslassen des Habens vordergründig wenig zu finden. Für Hans stehen die leiblichen Genüsse oder das Geld in der Tasche bei seinen Tauschhändeln immer im Vordergrund. Retten könnte man die Hypothese hingegen wieder, indem man sagt, dass die Beschreibungen der leiblichen Genüsse nur symbolisch gemeint gemeint, und dass damit geistige Genüsse gemeint seien, oder im Fall des Geldes in der Tasche eigene Energie.

Bei der Beschränkung des Habens auf materielle Güter greift die Interpretation allerdings zu kurz. Schon für Fromm war es klar, dass damit auch immaterieller Besitz wie Ruhm, Überlegenheit, Wissen und sogar „Passivposten“ dazu gehören. Diese erweiterte Form des Habens wird in der heutigen Zeit am radikalsten von Eckhart Tolle („Jetzt!“, „Die neue Erde“) dargestellt, der aufzeigt, dass auch all dieses immaterielle Haben (er nennt es „Identifikation“)  nur unser Ego nährt.

Hans im Glück löst sich radikal von überkommenen Alltagsvorstellungen, wie z.B. dass Geld reich und glücklich macht, oder dass ein Pferd reiten bequem ist, usw.. Erst im Loslassen dieser Vorstellungen, die uns unser Alltagsbewusstsein und konventionelles Denken vorspiegelt, gewinnt Hans die Freiheit.

Durch das Loslassen findet er zu sich selbst.

C.G. Jung schrieb einmal über die Figur des Protagonisten 1), dass  er „personifiziert Lebensmächte jenseits des beschränkten Bewusstseinsumfangs, … stellt den stärksten und unvermeidlichsten Drang des Wesens dar, nämlich den, sich selber zu verwirklichen … ist ein mit allen natürlichen Instinktkräften ausgerüstetes Nichtanderskönnen, während das Bewusstsein sich stets in einem vermeintlichen Anderskönnen verfängt.“

Die Arbeit des Müllers ist eine ganz irdische, aber bereits transformierende: Die Früchte der Erde werden verwandelt in eine Grundlage der Er-Nährung. Als Lohn erhält Hans einen Klumpen Gold, keine vollkommene goldene Kugel, sondern einen rohen Klumpen, noch ganz als materielle Qualität. Aber immerhin aus Gold. Es ist also schon viel da und wartet darauf weiter transformiert zu werden. Die Weiterentwicklung ist nur möglich durch schrittweise Umwandlung des allzu irdischen Goldklumpens in – letztlich nichts.

Das Pferd symbolisiert oft den Verstand, das Denken im Alltagsbewusstsein, aber auch das Denken aus einer inneren Kraft heraus (Intuition). Auch mit der Kuh (steht oft für die nährende Muttergöttin), der Gans (Wachsamkeit) und dem Schleifstein (der hier nicht viel mehr als ein Feldstein ist) bleibt er letztlich noch mehr oder weniger in „Bodenhaftung“. Der Schleifstein könnte dazu dienen, sein Bewusstsein zu schärfen. Vielleicht ist er ein zu grobes Instrument? Auf jeden Fall, die Befreiung kommt erst mit dem Velust des Schleifsteins, der in einen Brunnen fällt.

Vielleicht steht Hans damit erst dort, wo viele Märchen erst recht beginnen: Er hat die Trennung von der  geruhsamen Einheit zwar schon vollzogen (Abschied von der Mühle), aber die Herausforderung mit der Auseinandersetzung mit den unbewussten Tiefen seiner Seele kommt erst. So wäre das Märchen weiter zu erzählen und wir sind gespannt, was aus Hans noch wird.

Ich bin nicht Philologe. Die Frage, ob die Themen „Haben oder Sein“ und „Loslassen“ in die mutmassliche Entstehungszeit des Märchens vom „Hans im Glück“ passen, wäre sicher von berufenerer Seite zu diskutieren. Nach H.J. Uther, dem umbestrittenen Leader der wissenschaftlichen Märchenforschung handelt es sich beim „Hans im Glück“ übrigens um ein Kunstmärchen des ausgehenden 18. Jhdts.

Aber bei den Märchen ist es uns, und das meine ich nicht ironisch, ja erlaubt, sie aus dem Kontext unseres Lebens und unserer Zeit heraus zu interpretieren. Der Gehalt eines alten Volksmärchens ist immer zeitlos und deshalb gültig für den Lebensweg von uns Menschen in jedem Zeitalter.

1) Jung C.G. & Kerenyi, K.  (1951), Einführung in das Wesen der Mythologie, Rhein-Verlag.

Fortsetzung folgt

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