Rapunzel-Botanik

Rapunzel: Märchentyp ATU 310, Grimm KHM 12

Der neue Rapunzel-Film aus den Walt Disney-Studios hat mich motiviert, meine alten Notizen zum Märchen „Rapunzel“ hervorzunehmen. Zum Beispiel die Notizen zur Botanik, die mich persönlich an die Zeit erinnern, da ich als junger Naturwissenschafter noch „eine Ahnung von Botanik“ hatte.

Welche Pflanze(n) stecken hinter der Bezeichung „Rapunzel“?

Meine allgemeine Betrachtung zum Märchen „Rapunzel“ >>

Briefmarkenserie aus der ehemaligen DDR:
Briefmarken Rapunzel


Nüsslisalat

  1. Unser Nüsslisalat, in D auch Feldsalat, Mausohrsalat oder Rapunzel genannt, ist ein Baldriangewächs (Valerianella locusta, auf dem Bild rechts ausnahmsweise blühend). Eine rübenartige Wurzel (siehe Punkt 4) ist nicht zu erkennen, so dass der deutsche Begriff „Rapunzel“ für mich noch nicht erklärt ist. Hingegen kann das Würzelchen verhältnismässig lang sein — so lang wie Rapunzels Haar ? Im Badischen werden die Blattrosetten des Feldsalats nach ihrer Form scheint’s auch „Sunnewirbel“ genannt, was reizvolle Assoziationen, z.B. zum goldenen Haar Rapunzels gibt.
  2. Die in der Schweiz als „Rapunzel“ (oder nach der Form der Blüte „Tüüfels-Chralle“ – in den Krallen der Zauberin ?) bezeichnete Pflanzengattung ist ein Glockenblumengewächs aus der artenreichen Gattung Phyteuma.
    Phyteuma-Arten gelten als essbare Wildpflanzen (Bild rechts unterhalb des Nüsslisalats) Der mögliche Ursprung des Namens „Phyteuma“ ist ebenfalls bemerkenswert, weil er vom griechischen Wort für „zeugen“ (im biologischen Sinn) kommt.
  3. Die gelbe Nachtkerze (Oenothera biennis) wird auch manchmal „Rapunzel“ genannt.
    TeufelskralleAls Neophyt passt sie allerdings nicht in die europäische Märchenwelt und kann in dieser Betrachtung ausser Acht fallen.
  4. „Rapunzel“ist ziemlich sicher von einem lateinischen Wort abzuleiten, welches „kleine Rübe“ (Verkleinerungsform von rapa = Rübe) bedeutet. Auch z.B. das englisch Wort rampion sowie die Bezeichnungen in anderen Sprachen sind von der Verkleinerungsform von rapa abzuleiten.
    Rüben spielen in Märchen und Sinngeschichten ja durchaus eine Rolle im Sinne der Suche nach dem „verborgenen Wissen“, dem man „auf den Grund gehen muss“.
  5. Alraune in einer neapolitanischen Handschrift des 7. Jhdts..
    Der Begriff „Rapunzel“ könnte sich auch auf die Alraunen-Wurzel beziehen, was ein ganz neues (bzw. uraltes) Symbolspektrum eröffnet (Bild links: Alraune in einer neapolitanischen Handschrift des 7. Jhdts.; Bild rechts: Blühende Alraune). Alraune
    Die Gemeine Alraune (Mandragora officinarum) aus der Gattung Mandragora, ist eine Heil- und Ritualpflanze, seit der Antike als Zaubermittel bekannt. Ihre Wirkstoffe verhelfen zur Seherinnen-Gabe und Fruchtbarkeit („Liebesapfel“). Ihre an menschliche Gestalten erinnernde Wurzel regt die Phantasie schon beim blossen Ansehen an. Das Wort Alraune könnte mit den Runen und/oder dem Verb raunen zu tun haben. Für den im Märchen beschriebene massenhaften Verzehr, wie im Märchen „Rapunzel“ beschrieben, ist die Alraune aufgrund ihres Giftgehalts aber gar nicht geeignet.
  6. grossblättrige PetersilieBei Basile tritt die Petrosinella an die Stelle von Rapunzel. Petersilie (Petroselinum crispum) ist ein Doldenblütler und bekommt wie die meisten Doldenblütler eine beachtenswerte „Rübenwurzel“, wenn man sie wachsen lässt.
    Petersilie (oder war es der wilde Sellerie ? siehe unten) galt den Griechen als Symbol der Freude und Festlichkeit, daher trug man Petersilienkränze zu Gastmählern. In der griechischen Literatur wurden erfolgreiche Leute mit „Eppich“ bekränzt (z.B. in Homers „Odyssee“), was mein Lehrer zur allgemeinen Belustigung jeweils mit „Sellerie“ übersetzen liess. War es die dekorative und bedeutungsträchtige grossblättrige Mittelmeerraum-Petersilie? Petersilie heisst immerhin, übersetzt aus dem griechischen Ursprung, „Stein-Sellerie“. Zum Wort Eppich: Da höre ich eine klangliche Verwandtschaft mit dem Doldenblütler-Gattungsnamen „Apium“ (auch Familienname „Apiaceae“).
    Petersilie keimt nur sehr schwerfällig. Das liegt daran, dass der Legende nach „das Peterlein“ vor der Keimung zunächst nach Rom pilgern muss, um sich beim Hl. Petrus die Erlaubnis zum Aufgehen zu holen. Und es dauert dann sieben Wochen, bis es wieder zurück ist. Wurzel Petersilie
    Wer jeden Tag Petersiliensamen isst, soll damit für Fruchtbarkeit und Zeugungskraft (Aphrodisiakum) sorgen.
    Anderseits hat Petersilie aber eine grosse abortive Wirkung. Diese Ambivalenz drückt sich in der deutschen Redewendung „Petersilie bringt den Mann aufs Pferd und die Frau ins Grab“ aus. Auch französische Rapunzel-Märchen heissen genau gleich wie die italienischen „Parsillette“ oder „Persinette“.
  7. Den erwähnten Sellerie wollen wir aber nicht ausser Acht lassen, denn es gibt ein wunderschönes sizilianisches Rapunzel-Märchen „Aciulilla“, in welchem der Sellerie (süditalienisch: acciu) in Nachbar’s Garten zum Verhängnis wird. Wir müssen dabei wohl mehr an den im Mittelmeerraum beliebten Stangensellerie denken als an den mitteleuropäischen Knollensellerie.Stangensellerie
    Dem Sellerie war immerhin die bedeutende sizilianische Stadt Selinus (heute: Selinunte) geweiht, welche angeblich sogar ein Sellerieteilblättchen im Stadtsiegel führte.
    In Selinus gibt es westlich der Akropolis ein Demeter-Heiligtum in welchem sich auch ein dorischer Hekate-Tempel befindet (siehe Bild unten). Der wilde Sellerie soll der Hekate geweiht gewesen sein. Da öffnet sich ein ganz neues Gedankenfeld: Die liebe Frau Gothel in Grimms Rapunzel als Nachfahrin der Hekate, die ja unter anderem Hüterin der Grenzbereiche, auch der (verschlossenen) Tore war ? Hekate wurde wie viele andere Aspekte der grossen Göttin der matrifokalen Epoche am Ende des Mittelalters zur Hexe dämonisiert.

Hekate-Tempel im Demeter-Persephone-Heiligtum Selinus

Es scheint sprachwissenschaftlich klar, dass bei der „Wanderung“ des Märchens aus Italien über Frankreich nach Deutschland die italienische „Petersilie“ bzw. französische „Parsillette“ sich in die deutsche „Rapunzel“ verwandelt hat. Inwieweit natürlich „Rapunzel“ ein „urdeutsches“ Märchen ist, das sich parallel und unabhängig zum italienisch-französischen „Petrosinella“ und damit auch pflanzensymbolisch eigenständig entwickelt hat, weiss ich nicht. Andere Rapunzel-Märchen kennen auch noch andere Pflanzenbezeichnungen (siehe Märchenlexikon). Im russischen heisst Petersilie/Rapunzel übrigens „Petrushka“, mit dem Namen der beliebten beweglichen Puppe in Russland (verwandt mit dem „Kasper“ und dem „Pinocchio“), bekannt u.a. von Stravinskys Ballett.

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