Wie die Torah zu den Menschen kam

Torah

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Einst wurde Moses in den Himmel zu Gott gerufen. Die Engel fragten: „Was will der vom Weib geborene unter uns ?“ Gott antwortete: „Die Torah zu empfangen, ist er gekommen.“ Die Engel aber protestierten dagegen, dass die Torah, die seit 974 Generationen von der Erschaffung der Welt an im Himmel aufbewahrt wurde, einem Menschen übergeben werden sollte.

Da wies Gott Moses an, zu den Engeln zu reden. Aber Moses getraute sich nicht, sich vor den Engeln zu rechtfertigen. Da rief Gott Moses zu sich, damit er sich an seinem Thron festhielte. Erst jetzt begann Moses zu den Engeln zu sprechen: 

„Was steht in der Torah ? Es ist geschrieben: Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich aus dem Lande Ägypten herausgeführt hat. Seid ihr je in Ägypten in Gefangenschaft gewesen ?“

„Und es steht: Du sollst keine anderen Götter haben. Beten denn die Engel Götzen an ?“

„Es ist geschrieben: Du sollst Vater und Mutter ehren. Habt Ihr denn Vater und Mutter ?

„Es steht, dass man sechs Tage arbeiten und am siebten Tag, dem Shabbat ruhen soll. Arbeitet ihr denn ?“

Es ist geschrieben: Du sollst nicht falsch schwören. Ist denn ein Geben und Nehmen unter euch ?“

Es steht, dass du nicht morden, noch ehebrechen noch stehlen sollst. Muss man das euch Engeln sagen ?“

Da sahen die Engel ein, dass die Torah für die Menschen und nicht für die himmlischen Wesen geschrieben war, und beschenkten Moses mit vielen guten Gaben.
Selbst die Todesengel beschenkten ihn und lehrten ihn mit dem Räucherwerk umzugehen.

Auch der Engel Satan erfuhr, dass die Torah weggegeben worden sei und fragte Gott, wo sie den jetzt sei. „Auf der Erde“ lautete die Antwort.

Satan suchte die Torah auf dem Festen der Erde, aber er konnte sie nicht finden, und die Erde antwortete ihm: „Gott weiss den Weg zu ihr.“ Dann suchte er sie im Meer und in allen Gewässern, aber er fand sie nicht, und das Meer antwortete ihm: „Sie ist nicht bei mir.“  Dann suchte er sie im Abgrunde und erhielt die Antwort: „Die Torah ist nicht bei mir.“ Schliesslich kehrte er zurück zu Gott und berichtete von seiner erfolglosen Suche. „Geh zu Moses, dem Sohn des Amram.“

Als Satan zu Moses kam und ihn fragte, ob er die Torah besitze, antwortete dieser: „Wo denkst du hin, wie soll ein Sterblicher die heilige Thora besitzen.“

Gott hörte Moses reden und schalt‘ ihn: „Jetzt lügst du aber !“ Doch Moses rechfertigte sich: „Herr der Welt, soll ich das verborgne Kleinod, mit dem DU dich täglich unterhieltest, mir zum besten anrechnen ?“

Da befahl Gott, dass die Torah nach Moses benannt werden sollte, weil dieser so bescheiden war und sich selber klein gemacht hatte.

Quelle

Diese Geschichte habe ich aus zwei Texten im Talmud nacherzählt, die Rabbi Josua ben Levi zugeschrieben werden. Sie stehen im babylonischen Gemara-Teil des Talmud, der eine Art Kommentar darstellt.

Wie komme ich als Märchenerzähler auf so etwas ? Ich überrede meine Ehepartnerin in einem Bücher-Outlet-Store zum Kauf eines (deutschen) Talmudbändchens für sagenhafte 9 Schweizer Franken, schlage zu Hause wahlos eine Seite auf und lande exakt bei dieser Story.

Bemerkungen

In dieser Geschichte sind einige bemerkenswerte Themen drin, die mir als Märchenerzähler ohne theologisches Grundwissen auffallen:

  • Heilige Schriften und Religion sind nicht für diejenigen geschaffen, die eh‘ schon „heilig“ sind, sondern für alle, die auf dem Weg sind.
  • Die Thora repräsentiert eine geistige Dimension, die nicht in den Elementen (Erde, Wasser usw.) zu finden ist, sondern auf der Ebene des Menschseins.
  • Moses entwickelt eine grosse Kraft in dem Moment als er sich am Thron Gottes festhält, also an sich die göttliche Energie anschliesst. Dazu erinnere ich mich an eine Bemerkung des Psychoanalytikers Eugen Drewermann über die Stelle aus Exodus Kap.4 Vers 10ff., wo Moses mit Gott die längste Zeit diskutiert und versucht sich vor dem Auftrag zu drücken, die Israeliten aus Ägypten wegzuführen, nicht zuletzt mit dem Argument, dass er ja nicht gut reden könne und so unbeholfen sei. Auch dort muss Gott Moses „empowern“.
  • Und wir wissen am Ende, weshalb die Thora allgemein als die fünf Bücher Mose bezeichnet wird, eine Bezeichnung, die sich ironischerweise nur in den christlichen Bibelfassungen durchgesetzt hat.

2 Gedanken zu „Wie die Torah zu den Menschen kam

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