Kategorie-Archiv: Märchen-Texte

Der Traum des Prinzen

Illustration zu DER PRINZ UND DER BETTELKNABE von Mark Twain (1835-1910)


Ein Märchen aus Griechenland.



Märchentyp ATU 725.
Beitrag zum Thema Träume in Märchen >>.
Märchen gefunden in: von Hahn, J.G., 1918, „Griechische und Albanesische Märchen“, Verlag Georg Müller


Es war einmal ein König, der hatte drei Kinder, und eines Abends sprach er zu ihnen: „Hört, heute nacht wollen wir aufmerken auf das, was wir im Traume sehen.“

Am anderen Morgen fragte er zuerst den Ältesten: „Was hast du geträumt?“ und dieser erwiderte: „Mir träumte, dass ich die Tochter des und des Königs zur Frau nehmen würde.“ Und der zweite Sohn gab dieselbe Antwort. Darauf fragte der König den Jüngsten, was denn er geträumt habe. Der aber antwortete: „Ich sage es nicht, denn ich fürchte, dass du mich hinrichten lässt, wenn du es erfährst.

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Der Rose Pilgerfahrt – Text

Der Rose Pilgerfahrt
Liederzyklus von Robert A. Schumann (1810-1856)
Text von Moritz Horn (1814-1874) in der überarbeiteten Fassung von Schumann


1.
Frauenchor:

 Die Frühlingslüfte bringen
 Den Liebesgruss der Welt,
 Des Eises Bande springen,
 Es grünt das öde Feld.

 Die ersten Blumen tauchen
 Aus Grünem Wiesenplan,
 Und schau’n mit Kindesaugen
 Uns frühlingskälbig an.

 Im maiengrünen Kleide,
 Mit Blüten reich gestickt,
 Hat sich zur Osterfreude
 Ein jeder Baum geschmückt

 O sel’ge Frühlingszeit!
 Du trocknest stille Tränen,
 Die unsres Herzens Sehnen
 Geweint im tiefsten Leid.

 In manche Winterbrust
 Tönt auch dein Sonntagsläuten,
 Und mancher Keim der Freuden
 Erwacht zu neuer Lust.

2.
Tenor-Solo:

 Johannis war gekommen,
 Der Erde Hochzeitstag,
 Wo sie als Braut am Herzen
 Des lieben Frühlings lag.

 Die stille Nacht umschleiert
 Den Schlummer der Natur.
 Das blasse Licht des Mondes
 Durchwandelt Hain und Flur.

 Die kleinen Blättchen schwirren
 Kaum hörbar in dem Baum,
 Um Schilf und Wasserblumen
 Schwebt Schlaf und Abendtraum.

Alt-Solo:

 Was ist auf jener Wiese
 Für zauberischer Sang,
 Und unterm Frühlingsgrase
 Für wunderlicher Klang?
 

3. Elfenreigen

Chor der Elffen:

 Wir tanzen, wir tanzen
 In lieblicher Nacht.
 Bis der Tag vom Schlummer
 Morgenrot erwacht,

 Bis vom Tau die Blume
 Neues Leben trinkt,
 Hoch auf, liederselig,
 Die Lerche sich schwingt.


4.
Tenor-Solo:

 Und wie sie sangen, da hören sie
 Eine zarte, klagende Melodie.
 Flugs hält der Tanz, der wirr gerauscht
 Und Alles auf das Liedchen lauscht.

Rose:

 Frühling ist nun wieder kommen,
 Hat gerufen: „auf, erwach!“
 Was soll mir das Blühen frommen,
 Der das Herz vor Sehnen brach?

 Wenn die Mädchen mit mir kosen,
 Wenn von Liebe singt ihr Lied,
 Klag’ich, dass uns armen Rosen
 Nie ein Liebesfrühling blüht!

Fürstin der Elfen:

 Du töricht Kind,
 Du wünschest dir der Liebe Lust,
 Wohl dir, dass du von ihren Schmerzen
 Bis diesen Frühling nicht gewusst.

Rose:

 Ich möcht‘ es tragen, alles Weh,
 Ich fühl‘ mich stark!

Fürstin der Elfen:

 Du Röslein, du?
 Verlassen willst du unser Reich,
 Wo Glück und Frieden ewig walten?

Rose:

 O, lass mich eine Jungfrau werden.
 Lass lieben mich, den Mädchen gleich!

Fürstin der Elfen:

 Verlangst du’s Röschen nun wohlan!
 Die Menschen nennen auf der Erden
 Die Mädchen ja der Rose Bild;
 Zum Mädchen soll die Rose werden!
 Und also sei der Spruch erfüllt!

 Und eine Rose sollst du tragen,
 Gefeit von mir zu deinem Heil!
 Wer sie besitzt der Erde Freuden,
 Die reinsten, werden ihm zu Teil.

 Doch merke wohl; entfällt sie jemals deiner Hand!
 So wirst du aus dem Leben scheiden;
 Doch lange nicht! –
 Ein Frühlingshauch wird dich als Rose
 Zurück ins Heimatland geleiten.

Chor der Elfen:

 Wir tanzen, wir tanzen
 In lieblicher Nacht
 Bis der Tag vom Schlummer
 Morgenrot erwacht,

 Bis vom Tau die Blume
 Neues Leben trinkt,
 Hoch auf liederselig,
 Die Lerche sich schwingt.


5.
Tenor-solo:

 So sangen sie; da dämmert’s schon,
 Ein Vogel singt im Morgenschlummer
 Die Welt erwacht zu neuer Lust,
 Zu neuem Schmerz, zu neuem Kummer.

 Und wie ein Blitz verschwunden sind
 Der Elfen luft’ge Scharen,-
 Nur auf der Wies‘ ein Silberstreif
 Verrät noch,wo sie waren –

 Auf schlägt das schöne Rosenkind,
 Wie träumend noch, das Augenpaar.
 Ein duftdurchfrischter Morgenwind
 Wirft Apfelbluten ihr in’s Haar;

 Ein Röslein, morgenangeglüht.
 Am Busen,vielbedeutend, blüht.

Rose:

 Wo bin ich?
 Ist’s Wahrheit, ist’s ein Traum –
 Nein, nein, es ist kein Zauberbild;
 Als Madchen wandelnd auf der Erden
 Werd‘ ich durch Liebe glücklich werden.

Tenor-solo:

 Sie steigt den Hügel still hinauf;
 Da tut vor ihren Blicken
 Das weite Tal sich prangend auf
 Begrenzt von Waldestücken
 Erreicht ist bald des ersten Hauses Tür
 Sie tritt hinein und bittet freundlich hier
 Um Obdach.

6.
Rose:

 Bin ein armes Waisenkind,
 Dem seine Lieb’n gestorben sind.

Martha:

 Habt Ihr ein Zeugnis, einen Schein.
 Dass man euch auch trauen mag?

Rose:

 Ach nein!
 Wenn Euch mein Bitten nicht bewegt-

Martha:

 Das Mitleid saure Fruchte trägt,
 Hat man im Haus erst Euresgleichen,
 Pflegt Ruh‘ und Frieden d’raus zu weichen
 Geh‘ du nur fort!

Rose:

 O nehmet auf mich mildgesinnt,
 Ich will Euch lohnen, was Ihr tut
 An mir, mit meinem Herzensblut.

Martha:

 Versprechen lasst sich viel mit Worten,
 Geht, pocht dort an des Nachbars Pforten!
 Geht fort!

7.
Tenor-solo:

 Es war der Rose erster Schmerz!
 Trostbittend schaut sie himmelwärts;
 Und weiter unter Abendglüh’n
 Wallt still die Blumenkönigin.

 Ein einsam Häuschen unscheinbar,
 Nimmt jetzt ihr Auge wieder wahr.
 Am Friedhof liegt es angelehnt,
 Vom Fliederbaume rings verschönt;

 Durch’s off’ne Tor ragt Kreuz und Stein,
 Verklärt vom gold’nen Abendschein.
 Sie tritt hinein, da steht ein Greis,
 Gebückt das Haupt wie Silber,

 Er gräbt – den Spaten in der Hand,
 Ein Grab in’s grüne Land.

Rose:

 Für wen ist’s Grab hier, tief und klein?

Totengräber:

 Für uns’res Müllers Töchterlein.

Rose:

 O arme Schwester, tief beklagt!-

Totengräber:

 Ein schwerer Tod – ein Tod voll Schmerzen
 Zu sterben am gebroch’nem Herzen –

Rose:

 Wie soll ich mir dein Reden deuten?
 Bringt treue Liebe solche Leiden?

Totengräber:

 Wer heiss geliebt und ward betrogen,
 Der hat ein Todeslos gezogen-
 Er wird geheilt von seinen Schmerzen
 Nur an der Erde Mutterherzen.-

Rose:

 O Schwester, tief beklagt!

Totengräber:

 Doch sieh‘, da kommt mit Trauersang
 Der Leichenzug den Weg entlang.

8.
Chor:

 Wie Blätter am Baum,
 Wie Blumen vergeh’n –
 Wie Blütenflaum
 Die Winde verweh’n.

 So geht vorbei
 Des Lebens Mai
 Eh‘ wir’s denken,
 Deckt das Grab,
 Was das Leben
 Liebes gab!

Rose:

 Oh Schwester, tief beklagt!

Chor:

 Wir werfen in dein frühes Grab
 Die Blumen betend still hinab.-

Totengräber:

 Sei dir die Erde leicht!

Chor:

 Der Erde geben wir zurück Dich,
 uns’re Hoffnung, unser Glück.

Rose:

 Schlumm’re sanft!

Chor:

 Schmerz ging mit uns ans Grab hinaus,
 Schmerz geht mit uns ins Trauerhaus!

Rose:

 Ruh‘ sanft!

 
9.
Tenor-solo:

 Die letzte Scholl‘ hinunterrollt,
 Die letzte Träne ward gezollt;
 Und still nach Haus gewandelt sind.
 Die zur Ruh‘ geleitet Müllers Kind.

 Auch der Totengräber verlässt den Ort,
 Nur das Mädchen kniet noch am Grabe dort.
 Schon glänzet aus tiefblauem Himmel
 Der Sterne gold’nes Glanzgewimmel;

 Das Mondlicht lauscht durchs Laub der Linden,
 Als sucht‘ was Liebes es zu finden.
 Die Pilg’rin hebt sich jetzt empor,
 Und wandelt nach des Kirchhofs Tor.

Totengräber:

 Wo willst du hin, feucht wird die Nacht.

Rose:

 Mich leuchtet heim der Sterne Pracht.

Totengräber:

 Denk‘, Kind, es sei des Vaters Bitte:
 Verweil‘ die Nacht in meiner Hütte,
 Das Wenige, was mir gehört,
 Sei dir, mein Kind, gewährt.

Rose:

 Hab‘ Dank – mit neuer Lebenslust
 Erfüllt dein freundlich‘ Wort die Brust –
 Ich folg‘ dir, bis zum Morgenschein
 Will ich dein Gast, mein Vater, sein.

Totengräber:

 Du siehst, schmucklos ist meine Wand.

Rose:

 Das Kranzchen dort am weissen Band?

Totengräber:

 Das gilt mir wohl als höchstes Gut;
 Mein liebes Weib, das draussen ruht,
 Trug diesen Kranz im blonden Haar,
 Als mein sie wurde am Altar.

 Doch lass die Toten ruh’n –
 Sie haben Frieden nun.
 Uns stelle Gott die Engelwacht
 Zu unsrem Schlaf in dieser Nacht.

Rose:

 Behüt‘ sie Euch, wie alle Guten!

Totengräber:

 Schlaf sanft!

 10. Gebet
Rose:

 Dank, Herr, dir dort im Sternenland,
 Du führtest mich an Vaterhand,
 Und in der Leiden Becher fiel
 Ein Himmelstropfen, süss und kühl;

 Nun wolle Ruh der Müden schenken
 Dass ich gestärkt dem jungen Tag,
 Was er auch bring‘, entgegen blicken mag!

 (Im Einschlummern).
 Ob sie wohl mein gedenken?

Chor der Elfen:

 Schwesterlein!
 Hörst du nicht beim Sternenschein
 Unser Lied.
 Hörst du nicht die Glöckchen fein,
 Rosenblut?
 Hörst du nicht beim Sternenschein
 Das Elfenlied?

 Lass dich nicht berücken,
 Kehr‘ zu uns zurück,
 Hoffe nicht auf Glück!

 Nur bei uns,
 Im Reich der Elfen,
 Wohnt die Lust,
 Aber Schmerz und Leiden
 in der Menschenbrust.

 Schwesterlein!
 Klingt in deinen Traum hinein
 Nicht unser Gruss?
 Fühlst du nicht im Mondenschein
 Unsern Kuss?

 Lass dich nicht berücken,
 Keh’r zu uns zurück!
 Hoffe nicht auf Glück!

 Wähnst du, dass auf Erden
 Wohne dauernd Glück?
 In der Schmerzensträne
 Stirbt der Freude Blick.

 Röslein, komm zurück,
 Hoffe nicht auf Glück,
 Komm‘ zurück! 

11.
Tenor-solo:

 Ins Haus des Totengräbers
 Fallt durch die Fensterlein,
 Umrankt vom Efeugitter
 Der holde Morgenschein.
 Es weckt mit leisem Grusse
 Der Greis die Pilgerin.

Rose:

 Hab‘ Dank für deine Güte,
 Nun will ich weiter zieh’n,
 Und woll‘ die Hande legen
 Aufs Haupt, mein Vater, mir,
 Beglückt mit deinem Segen,
 Nur so geh‘ ich von dir.

Totengräber:

 O glücklich, dreimal glücklich ist,
 Wer dich als seine Tochter küsst,
 Hör‘ meine Bitte: folge mir,
 Ich gebe treue Eltern dir.

Tenor-solo:

 Die Rose sinkt an seine Brust,
 Sie grüsst des Lebens erste Lust.

12.
Frauenchor:

 Zwischen grünen Bäumen
 Schaut des Müllers Haus,
 Wie der Sitz des Friedens,
 Auf das Tal heraus.

 Waldbachs wilde Woge
 Treibt das rasche Rad.
 Das, wie Liebessehnen,
 Niemals Ruhe hat.

 In dem Gärtchen neben
 Schmückt die Frühlingslust
 Sich mit frischen Blumen
 Locken, Haar und Brust.

 Grüne Efeuranke
 Hat die Gartenwand
 Mit dem Blätternetze
 Zierlich überspannt.

13.
Tenor-solo:

 Von dem Greis geleitet,
 Mit dem Sonnenstrahl,
 Kommt die Mädchenrose
 Jetzt zur Mühl‘ im Tal.

Totengräber:

 Auf dieser Bank, von Linden
 Beschattet, harre mein!

Rose:

 Gesegne Gott den Schritt!
 So soll das höchste Glück auf Erden,
 Das heissersehnte, mir doch werden,
 Teilnehmen wird an meinem Schmerz,
 An meiner Lust ein Elternherz?-

Totengräber:

 Komm, liebes Kind, zu uns herein!

Müller:

 Wie, ist es Täuschung, ist es Schein?

Müllerin:

 Der Tochter gleicht sie auf ein Haar.

Rose:

 Mir ist so selig – wunderbar.

Totengräber:

 Nun, liebe Leute, hatt‘ ich Recht?

Müller:

 Bewährt ist stets, was Ihr auch sprecht.

Totengräber:

 Ist’s nicht ein schmuckes Mägdelein
 Der Rose gleich, so zart und fein?

Müller:

 Aus ihren Augen spricht es laut:
 Wohl bin ich wert, dass ihr mir traut.

Müllerin:

 So fülle denn in Brust und Haus
 Den leeren Platz der Toten aus!

Rose:

 O Wonne, o du Himmelslust,
 Ihr nehmt mich an die Elternbrust.
 Nehmt meiner Liebe ganzen Schatz,
 Nur lasst mir diesen teuren Platz.

Müller und Müllerin:

 O Wonne, o du Himmelslust,
 Wir halten dich an uns’rer Brust,
 Wir geben dir den besten Platz,
 Sei deine Liebe uns Ersatz.

Totengräber:

 O Wonne, o du Himmelslust,
 Sie ruht an treuer Elternbrust;
 So wird ihr doch an diesem Platz
 Für manches Leiden nun Ersatz.

14.
Tenor-solo:

 Bald hat das neue Töchterlein
 Der Eltern ganzes Herz,
 Und um die Heimgegangne bleibt
 Nur noch der Wehmut Schmerz.

 Im ganzen Dörfchen, weit und breit,
 Ist Kein’s, das sie nicht liebt,
 Im ganzen Dörfchen, weit und breit,
 Nicht Ein’s, das sie betrübt.

 „Schön Röschen“,
 Seufzt wohl manches Herz
 „Du süsse Augenlust,
 Ach dürft‘ ich ruhen wonniglich
 An deiner blüh’nden Brust!“

15.
Männerchor:

 Bist du im Wald gewandelt,
 Wenn’s drin so heimlich rauscht,
 Wenn aus den hohen Büschen
 Das Wild, aufhorchend, lauscht?

 Bist du im Wald gewandelt,
 Wenn drin das Frühlicht geht,
 Und purpurrot die Tanne
 Im Morgenscheine steht?

 Hast du da recht verstanden
 Des Waldes zaubrisch Grün,
 Sein heimlich süsses Rauschen,
 Und seine Melodien? –

 O Herz, wenn dir die Erde
 Nicht hält, was sie versprach,
 Wenn Lieb‘ und Treu‘ die Schwüre
 In arger Falschheit brach,

 Dann Komm‘, rufts aus dem Wald,
 Komm‘ her in meine Ruh‘,
 Mein leises, kühles Rauschen
 Küsst deine Wunden zu.

 Bist du im Wald geblieben,
 Wenn’s still zum Abend wird,
 nur durch die dunklen Tannen
 Der letzte Lichtstrahl irrt;

 Bist du im Wald geblieben,
 Wenn sich das Mondenlicht
 Wie eine Silberbinde
 Um jedes Bäumchen flicht;

 Hast du da, an dem Herzen
 Des Waldes angedrückt,
 Nicht selig froh zum Himmel
 Dein Nachtgebet geschickt?

 O Herz, wenn dich die Menschen
 Verwunden bis zum Tod,
 Dann klage du, dem Walde
 Vertrauend, deine Not.

 Dann wird aus seinem Dunkel,
 Aus seinem Wundergrün,
 Beseligend zum Herzen
 Des Trostes Engel zieh’n.

16.
Alto-solo:

 Im Wald, gelehnt am Stamme,
 Am alten Eichenbaum,
 Da weilt der Sohn des Försters,
 Versunken wie im Traum.

 Er hat des Müllers Töchterlein
 So lieb, wie Keiner mehr,
 Und wandelt nun im süssen Traum
 Von Liebesglück einher,

 Fragt wohl die Sternenblumen,
 Fragt sie wohl Tag für Tag,
 Und will dem „Ja“ nicht glauben,
 Das das Orakel sprach.

17.
Frauenchor:

 Der Abendschlummer
 Umarmt die Flur,
 In Liebeskummer
 Wacht Röslein nur.

 Sie schaut hinein
 In die Mondesnacht
 Und hat voll Sehnen
 An ihn gedacht.

 Da klingt sein Lied
 Heraus vom Wald,
 dass Frühlingslust
 Ins Herz ihr schallt.

Tenor-solo:

 Ich weiss ein Röslein prangen
 Im holden Frühlingsschein,
 Das möchte so gern ich fragen:
 Willst du mein Röslein sein?

Rose:

 Schlaf wohl, du lieber Sängersmann!

Tenor-solo:

 Und wenn ich komm’zu fragen,
 Da schaut mich’s freundlich an,
 Da ist’s mit einem Male
 Um meinen Mut getan.

Rose:

 Schlaf wohl, du lieber Sängersmann!
 Dein Röslein blüht für dich.

Tenor-solo:

 Sagt dir nicht das Herz im Busen
 Du Rose voll Frühlingsschein:

Rose:

 Komm‘ nur recht bald, Herzliebster fein
 Komm‘ bald zu ihm und sprich:

Tenor-solo:

 „Ich will nie eines And’ren
 Denn nur sein Röslein sein.“

Rose:

 Ich will dein Röslein werden,
 Mein Frühling werde du,
 Komm‘, weck‘ mit deinen Küssen
 Mich aus der Winterruh!

Tenor-solo:

 Sagt dir nicht das Herz im Busen
 Du Rose voll Frühlingsschein:
 „Ich will nie eines And’ren
 Denn nur sein Röslein sein.“

18.
Chor:

 O sel’ge Zeit, da in der Brust
 Die Liebe auferblüht,
 Und morgenhell das Angesicht
 In ihrer Wonne glüht –
 O sel’ge Zeit! –

19.
Bass-solo:

 Wer kommt am Sonntagsmorgen
 Im festlich grünen Kleid?
 Es ist der Sohn des Försters,
 Der um Schön-Röslein freit.

 Und als der Müller fraget,
 Was wohl ihr Herzlein spricht,
 Birgt sie an seinem Busen
 Verschämt ihr Angesicht;

 Umschlingt mit beiden Armen
 Fest den geliebten Mann;
 So schlingt sich an die Eiche
 Der Efeu gläubig an.

20.
Frauenchor:

 Ei Mühle, liebe Mühle,
 Wie schau’st so schmuck du heut‘!
 Du trägst geziert mit Blumen
 Ein sonntägliches Kleid.

 Du hast selbst deine Giebel
 Mit Kränzen reich geschmückt,
 So froh hast du noch nimmer
 In’s Tal hineingeblickt.

 Ei Waldbach, wie manierlich
 Trollst du am Haus vorbei!
 Du fleissig Rad der Mühle,
 Bist du heut‘ arbeitsfrei,

 Ei Knappen, liebe Knappen,
 Wie seht so schmuck ihr heut‘,
 Ihr tragt, verziert mit Bändern,
 Das schönste Sonntagskleid.

 Ihr habt die neuen Hüte
 Mit Blumen reich geschmückt
 Und sie kokett manierlich
 Schräg auf den Kopf gedruckt.

 Ei Knappen – Warum feiern,
 Am Wochentage heut‘,
 Das fleiss’ge Rad der Mühle,
 Und ihr, die fleiss’gen Leut?

21.
Chor:

 Was klingen denn die Hörner
 Im Morgendämmerschein,
 Was bringen sie ein Ständchen
 Vor ihrem Kämmerlein?
 Hochzeit wird gefeiert!
 Wörtlein, ach so süß,
 Schlüsslein zu dem trauten
 Eheparadies!
 Hochzeit wird gefeiert!
 Röslein, auf, erwach‘!
 Fei’re froh noch deinen
 Letzten Mädchentag!

Sopran:

 Die Kirchenglocken klingen,
 Und vor des Heilands Bild
 Hat sich aus ihrem Traume
 Die Wahrheit schön enthüllt.

Frauenchor:

 Den Bund der treuen Herzen
 Hat Priestermund geweiht,
 Den Schwur der treuen Liebe
 Schrieb ein die Ewigkeit.

22.
Chor:

 Im Hause des Müllers,
 Da tönen die Geigen,
 Da springen die Bursche
 Im wirbelnden Reigen,

 Da klingen die Gläser,
 Schallt „Hussah“ darein.
 Hochzeit wird gefeiert,
 Wörtlein ach so süß.

 Im Hause des Müllers,
 Da zittert die Diele,
 Es drängt sich und hebt sich
 Im bunten Gewühle,

 Und Alles jauchzt: „Hussah,
 Hoch Bräut’gam und Braut!“
 Hochzeit wird gefeiert,
 Wörtlein ach so süß.

23.
Tenor:

 Und wie ein Jahr verronnen ist,
 Sein Knöspchen zart Schön-Röslein küßt,
 Es ruht, gewiegt von Mutterlust,
 Mit Augen blau, an ihrer Brust.
 Es lächelt und die Händchen langen,
 Als wollt’s die Mutterlieb‘ umfangen;
 Sie aber schaut durch Tränenflor
 Mit heissem Dank zu Gott empor,
 Nimmt still die Ros‘, ihr Lebenspfand,
 Und gibt’s dem Kindlein mit zitternder Hand.

Rose:

 Nimm hin mein Glück, du kleines Herz,
 Ich geh‘ beseligt heimatwärts;
 Mein ward der Erde Seligkeit,
 Nach dieser giebt es keine Freud‘;
 Leb‘ wohl, mein Kind; – du treuer Mann,
 Zu End‘ ist meine Pilgerbahn,
 Ich scheide ohne Schmerz und Weh‘,
 Weil ich im Glück von hinnen geh‘.
 Das ist kein bleicher, schwarzer Tod,
 Das ist ein Tod voll Morgenrot!

Tenor:

 Und wie sie noch so leise spricht,
 Verlöscht der Augen Frühlingslicht.

24.
Engelstimmen:

 Röslein!
 Zu deinen Blumen nicht,
 Zu uns, zu höh’rem Licht
 Schwing‘ dich empor,
 Damit du schau’st
 Von Himmelshöh’n,
 Wie dein Knösplein zart
 Blüht und gedeih’t, –
 Daß einstens empfang’st du’s,
 Wenn es die Rose
 Unbefleckt dir zurückebringt!
 Sei uns gegrüsst,
 Liebliche Rose!


Die Madonna und der Drache

Zusammenfassung von Motiven und einige Gedanken zu diesem Märchen, das sich unter anderem in folgendem Büchlein findet:
Studer-Frangi, Silvia (2008), Italienische Märchen, Königsfurt Verlag, ISBN: 3-86826001-3.

Der Handlungsablauf des Märchens geht, ganz unmärchenhaft zusammengefasst, so:

  1. Es gibt einen besonderen Ort, wo man um Mitternacht Glocken läuten hört.
  2. Dort tief unten befinden sich in einer Höhle, zugänglich durch einen Erdspalt, ein Drache und die heilige Madonna.
  3. Die Madonna hütet den Drachen und verhindert durch Läuten der Glocken, dass der Drache um Mitternacht an die Erdoberfläche steigt und Leute verschlingt.
  4. Eine Frau, die alles Vertrauen ins Leben verloren hat und „am Ende“ ist, nicht mehr singen kann, nutzt ihre Chance und steigt in die Höhle hinunter.
  5. Sie hilft der erschöpften Maria beim Läuten der Glocken bzw. singt, um den Drachen im Zaum zu halten.
  6. Der Drache verwickelt seinen Schwanz in die Glockenseile und kann sich fortan selber mit Geläut beruhigen.
  7. Die Madonna geht mit der Frau mit und hilft ihr im Leben.
  8. Die Frau mag wieder singen.

Bemerkenswert ist, dass hier nicht der Drache die Jungfrau hütet, sondern die Jungfrau den Drachen (3, 5). Es handelt sich eben nicht um eine gewöhnliche Jungfrau, sondern um die Madonna, die spirituelle Tochter der Gaia. Oder wie ich es kürzlich gehört habe: die durch Christuskraft transformierte Gaia.

Die Frau findet in der Höhle (4) meiner Meinung nach also nicht nur ihre Urkraft, den Drachen, sondern zugleich ihren durch die Madonna symbolisierten göttlichen Kern. Kein Wunder, dass sie nach diesem Abenteuer, welches sie vor dem Selbstmord oder der Depression gerettet hat, wieder singen mag (8). Sie hat den Zugang zu ihrem wahren Selbst und zu ihrer Stärke gefunden, was ihr im Leben hilft (7).

Höhlen sind der Schoss von Mutter Erde. Dorthin ziehen sich Drachen zurück, die an der Erdoberfläche verdrängt werden (2). Wir Menschen oben nehmen sie als Bedrohung war und fühlen uns als Opfer. Sicherheitshalber muss der Drache deshalb in der Höhle bleiben (6).