In der Sammlung der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm findet sich eine immer wieder verblüffend breite Palette von Geschichten. Wilhelm Grimm, dessen Tod sich 2009 zum 150. mal jährt, hat die meisten Märchen intensiv sprachlich und oft auch inhaltlich überarbeitet, aber offenbar auch bewusst gewisse stilistische Eigenheiten der Vorlagen bewahrt.
Im Märchen KHM 179 “Die Gänsehirtin am Brunnen (» Text)” wechselt mehrmals die Erzählperspektive, fast wie in einem Film: Wir folgen zuerst den Erlebnissen des Grafen mit der alten Frau; dann erfahren wir aus dem Munde der Königin in der Rückschau (auch das stilistisch selten in einem Volksmärchen) die Geschichte ihrer jüngsten Tochter; jetzt “schwenkt die Kamera life” zu eben dieser Tochter bei der alten Frau; am Ende begleiten wir erneut den Grafen bis zur glücklichen Vereinigung und Erlösung. Und auch der Märchenerzähler mischt sich noch in der “ich”-Form ein, wie das sonst eher in mediterranen oder orientalischen Märchen verbreitet ist.
