Komplexe Systeme können wir nicht „wissen“

Damit will ich sagen: Unser Wissen über komplexe Systeme ist immer sehr unvollständig. Komplexe Systeme sind nicht einfach experimentell erschliessbar, weil die Modelle, welche (äussere) Ursache und Wirkung beschreiben die vielfältigen Interaktionen im inneren des Systems nicht abzubilden vermögen. Theoretische Modellrechnungen sind trotz Supercomputer nur so gut wie die zugrundeliegenden Modelle.

Beim Aufbau eines Wissensmanagements in einer Unternehmung geht es normalerweise darum, bestehende Wissensmanagementabläufe zu optimieren, nicht um etwas „from scratch“ zu kreieren. Dabei muss man sich bewusst sein, dass man vor einem komplexen System steht: Die grossen Bemühungen einer Geschäftsleitung um die Verbesserung kultureller Faktoren (z.B. Fehlerkultur, Wissensweitergabe usw.) scheitern an der stabilen Selbstorganisation des bestehenden Systems. Datenmanagement, genial und mit teurer Software vom „chief knowledge officer“ ins System geworfen, läuft harzig, da natürlich schon „bewährte“ Systeme dafür existieren, welche durch Selbstorganisation der Beteiligten entstanden sind.

Aus einem Interview mit Prof. Dirk Helbing von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ), publiziert in ETH GLOBE 2009/3, p. 14-15:

Nach Helbing sind „komplexe Systeme durch nichtlineare Interaktionen gekennzeichnet, wo Ursache und Wirkung nicht proportional zueinander sind“ und wo wir das Ursachen-Wirkungsnetz auch nur unvollständig verstehen. Das typische an komplexen Systemen ist, „dass Interaktionen innerhalb des Systems gegenüber externen Eingriffen dominieren.“ Deshalb sind komplexe Systeme nicht beherrschbar.

Die Eingriffe von Extern führen zu nicht vorhersehbaren Reaktionen. Das kann auch ein Ausbleiben von äusserlich sichtbaren Reaktionen sein. Führt das Netz der Interaktionen innerhalb eines Systems zu seiner Stabilisierung, so sind Änderungen von Aussen in der Regel nur mit grossem Aufwand durchführbar. Greift man dagegen in einen labilen Bereich des Systems ein, kann es zu einem katastrophalen Effekt führen, der in keinem Verhältnis zum Impuls von Aussen steht. Helbing sagt: „Manchmal zeigen sie ein geradezu paradoxes Verhalten. Selbst starke Eingriffe haben oft keine spürbare Wirkung, und ein andermal führen minimale Eingriffe dazu, dass das ganze System kippt.“

Helbing warnt deshalb davor, komplexe Systeme mit der klassischen Ursache-Wirkungs-Logik beeinflussen zu wollen. Man muss davon ausgehen, dass sie im Prinzip stabil sind und über grosse Selbstorganisationskräfte verfügen. Statt einen äusseren Zwang anzusetzen muss man versuchen, die Interaktionen im Inneren des Systems zu verändern. Helbing nennt dabei den Verkehr als Beispiel.

Wenn ich mir das so überlege leuchtet es mir an diesem Beispiel auch sehr ein. Die Verkehrsteilnehmer verhalten sich oft so, wie wenn sie unsichtbaren Gesetzen gehorchen würden. Die sichtbaren Gesetze haben nicht immer eine positive Wirkung. Und trotzdem kollabiert das System als Ganzes selten, obwohl wir das eigentlich ständig erwarten müssten.

Die Versuche, die Finanzmärkte zu regulieren, scheitern zurzeit weniger am politischen Widerstand als an der Stabilität des Systems, in welchem sich die Akteure weiterhin, wie wenn nichts geschehen wäre, primär an der persönlichen Bereicherung und dem Abwälzen von Risiken und Ereigniskosten auf die Gesellschaft konzentrieren. Wieso sollten sie auch! Ihr System, das weitgehend unkontrolliert durch Selbstorganisation entstanden ist, hat sich ja für sie bewährt. Gleichzeitig hat ein vergleichsweise kleine Geschichte, die Verluste auf dem Subprime-Markt zu einem unvorhersehbaren Lawineneffekt auf dem globalen Finanzmarkt geführt, der ungefähr das Fünfhundertfache des auslösenden Schadenfalls erreichte. Siehe dazu „Containing Systemic Risks and Restoring Financial Soundness“, Global Financial Stability Report April 2008 des IMF.

S. Schläfli befragte in derselben ETH GLOBE-Ausgabe verschiedene Risiko-Experten (Professoren) der ETHZ zu den Mechanismen der Finanzkrise. Ihre Aussagen sind zwar allgemein gehalten, aber halten den Finger auf die Problematik der zuwenig beachteten Interaktionen im System

Ich bin überzeut, dass viele Finanzdienstleister aufgrund mangelden Verständnisses der mathematischen Bedingungen die Risiken systematisch unterbewertet haben.“ (Prof. P. Embrechts, Versicherungsmathematiker) oder wie z.B. der Bericht der FINMA Schweiz nahelegt, bewusst und fahrlässig verdrängt haben.

Ein entscheidendes Problem besteht darin, dass die Protagonisten des Finanzsystems letztlich die Risiken nicht selbst tragen müssen, sondern auf Unternehmen und Gesellschaft abwälzen.“ (Prof. D. Sornette, Professor für unternehmerische Risiken). Vom Soziologen Ulrich Beck stammt der hiezu passende Begriff der „organisierten Unverantwortlichkeit„.

Weitere Beispiele für gut funktionierende aber dennoch anfällige Systeme sind das globale Klima oder jedes Ökosystem.

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