Kultur der Partizipation

Jenkins, Henry (2009) „Critical Information Studies For a Participatory Culture“
http://henryjenkins.org/2009/04/what_went_wrong_with_web_20_cr_1.html

Das Web 2.0-Konzept von O’Reilly, mittlerweile 5 Jahre alt, hatte primär die Kunden im Visier. Unternehmen sollten davon profitieren, „die kollektive Intelligenz“ zu nutzen und mit Wissen zu arbeiten, des von interessierten Nutzern der Website erzeugt worden ist. Das würde eine mutige und offene Informationspolitik der Unternehmen voraussetzen.

Die bisherigen Erfahrungen sind aber auch z.T. ganz anders:

  • Manipulation der User-Community
  • Zensur der User-Beiträge
  • Missbrauch von gesammelten Daten („der gläserne User „)
  • lascher Umgang mit Datenschutz und Nutzungsvereinbarungen.

Auch die grossen Vorzeige-Websiten der Web 2.0, wie You-Tube oder Facebook, gehören zu den Sündern.

Jenkins setzt dies in einen grösseren Zusammenhang. Für ihn ist eine partizipative Kultur eine Kultur mit relativ tiefen Hürden, sich künstlerisch auszudrücken und sich als Bürger zu angagieren. Erschaffen und Erschaffenes teilen, wird intensiv gefördert. Ein informelles Lernen geschieht dadurch, dass die Erfahrungen der Besten auf einem Gebiet frei zu den Anfängern fliessen. In einer partizipativen Kultur glauben die Mitglieder, dass ihre Beiträge wichtig sind und fühlen sich mit anderen verbunden. Es zählt nicht (nur) die individuelle Leistung sondern auch das Engagement in der Gemeinschaft. (Sinngemässe Übersetzung durch UV) 

Jenkins befasst sich mit einigen Hauptproblemen der partizipativen Kultur:

Angst
Politik und Gesellschaft sind zunehmend von Angst. Insbesondere von der Angst, dass die Anderen uns etwas zuleidetun, wegnehmen. Sensationslüsterne Messenmedien, selbsternannte Kulturkämpfer und Politiker auf Stimmenfang leben von diesen Ängsten. Angst hindert Partizipation. Verantwortungsgefühl und Achtsamkeit wären gefragt. Hier müssen wir beginnen.

Zwei-Klassen-Welt
Vorausgesetzt wir betrachten die digitale Kommunikation und das soziale Lernen im Web als wichtiges Mittel der partizipativen Kultur wir der bekannte „digital divide“ auch zum „Partizipations-Graben“.

Bildungssystem
Schulen tun sich enorm schwer, sowohl mit Partizipation im Allgemeinen als auch mit den neuen Medien. Abwehrstrategien dominieren über Lehrplanentwicklung.

Kollektive und Schwarm-Intelligenz
Schwarm-Intelligenz wird von aussen instrumentalisiert, weil kein gemeinsames Ziel von Innen da ist. Web-Plattformen müssen die Entwicklung von Zielen und Sinnthemen fördern, um die kollektive Intelligenz partizipatonisch werden zu lassen.

Minoritäten
Aktuelle Web 2.0 – Applikation fördern die Diskriminierung von Minoritäten durch die Einschüchterung von Seiten der Mehrheit. Sie bilden also die Trennlinie und Diskriminierung in unserer Gesellschaft ab. Website für Minoritäten sind öfter „Data mining“ – Portale, um an spezielle Käufergruppen heranzukommen. Die technischen Hindernisse, um von einer Community seine Daten in eine andere zu zügeln, wirken ebenfalls mehr trennend als verbindend.

Faire Nutzung
Auseinandersetzungen um Copyright-Fragen sind komplexer als nur das Problem des Austausches von Music-Files, für welche die grossen Medienkonzerne Eigentumsrechte reklamieren. Eine wachsende Community von Kunstschaffenden vertreibt ihre Erzeugnisse direkt (und an den Medienkonzernen vorbei) über das Internet, lassen sogar die User an der Entwicklung ihrer Werke partizipieren.

Gratis-Arbeit
Der grösste Teil der Beiträge auf den Web 2.0-Seiten ist unbezahlte Arbeit, auch die Beiträge von Usern auf .com-Seiten. „We produce all the content, they make all the money.“ Was hier als Witz formuliert ist, wird in den Wissensmanagement-Zeitschriften, die Urs liest, übrigens unverhohlen propagiert: Web 2.0 muss den Profit steigern, Die Kehrseite der Medaille ist, dass beispielsweise gerade im IT-Bereich die Firmen einen grossen Teil des Supports an gratis arbeitenden Communities auslagern, wo in Foren effektiv und kundenfreundlich Probleme gelöst werden. Und die Firma kann sich das entsprechende Personal sparen, was in der Menge sehr wohl die Volkswirtschaft betrifft.

Journalismus
Die Probleme mit der Gratis-Arbeit sind auch in Journalismus vorhanden, indem professionelle Journalisten durch eine Blogger-Community abgelöst werden. Abgesehen von der Arbeitsplatzproblematik stellt sich die Frage nach der Zuverlässigkeit der Inhalte und der erweiterten Manipulation der Information durch Interessengruppen. Die neuen Medien können sowohl die Chance sein, Zensur und Auftragsjournalismus zu umgehen, wie auch eine Plattform für noch stärkere Vermischung von Journalismus, Werbung und Meinungsmache (vgl. unsere Gratiszeitung).

Globales Denken
Die neuen Medien können eine Chance sein, engstirnige Kulturdiktate oder tabuisierte Themen aufzubrechen (siehe vorangehende Punkte)

Politische Aktivität
Die neuen Medien können eine Chance sein, wieder mehr Bürger/innen an gesellschaftlichen Debatten und politischer Aktivitäten zu beteiligen – vor allem auch ausserhalb der schon von den etablierten Kräften besetzten Gebiete.

Jenkins wirft also eine ganze Reihe von Fragen auf, die parallel zur Entwicklung der neuen Medien dringend bearbeitet werden müssen.

Ein Gedanke zu „Kultur der Partizipation

  1. Pingback: Heranwachsen mit dem Social Web 958 (2009) | knowledge management at ap

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.