Lernplattform oder PLE ?

Workshop von Thomas Moser, PHZ Schwyz
an der Fachtagung „Personal Learning Environments in der Schule“ der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz in Arth-Goldau am 13. März 2009.

Theoretisch ist eine Lehrplattform wie Moodle oder Educanet2 eine von den Lehrenden strukturierte und verwaltete Lernumgebung. Sie sind kursmässig organisiert (an einer Hochschule) oder versuchen die Klassenstruktur einer Schule abzubilden.

Ein PLE-Tool ist grundsätzlich eine von den Lernenden personalisierbare Lernumgebung. Es sollte jede/r Schüler/in seine eigenen PLE-Tools mit unterschiedlichen Konfigurationen benützen dürfen. Die Praxis zeigte allerdings deutlich auf, dass für die Durchführung von Computer-unterstütztem Unterricht die Lehrperson die Strukturierung der Lernumgebung vornehmen muss und die Lernenden lediglich dazu eingeladen werden.

Der grosse Aufmarsch von Teilnehmenden am, wie die Ausschreibung versprach, „praxisorientierten“ Workshop zeigte das Interesse, hier mehr Klarheit zu gewinnen.  Es wurde auch manches klar in diesem Workshop. Der Referent zeigte überzeugend auf, dass im Unterricht Lernsettings mit PLE-Tools keinerlei Mehrwert erzeugen, hingegen einen nicht unbeträchtlichen Mehraufwand, bis der Unterricht überhaupt beginnen kann. Schon für die mündliche Instruktion der Primarschulklasse benötigte die Lehrperson im gezeigten „Reality“-Video ein rund zehnminütiges Referat, welches die Lernenden geduldig und vor der laufenden Kamera brav über sich ergehen liessen – nach dem Motto „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf.“

Der Referent stellte mögliche Lösungen für die Durchführung der Unterrichtseinheit vor:

  • Wiki-Modul von Educanet2
  • Elgg (open source Applikation für ein social network, wie Facebook)
  • Mahara (E-portfolio, gedacht zur Sammlung und Dokumentation persönlicher Lernergebnisse)

Für dasselbe didaktische Setting sind meistens Lösungen mit verschiedenen Applikationen möglich.

Die beiden mehr in Richtung PLE weisenden Applikationen Elgg und Mahara unterscheiden sich von der klassischen Plattform Educanet2 (siehe auch Vortrag von Kerres) dadurch, dass der/die Einzelne mehr in den Vordergrund tritt und die administrierende Lehrperson in den Hintergrund.

In der nachfolgenden Diskussion wurde der Nutzen bzw. Mehrwert solcher Lernsettings in Frage gestellt, ironischerweise am schärfsten vom Swisscom-Vertreter („Schulen ans Netz“), der eigentlich ein Interesse an der Nutzung möglichst vieler Internet-basierter Tools hätte….

Lehrpersonen mit langjähriger Erfahrung mit Moodle und anderen offenen Lehrplattformen sowie Web 2.0-Tools berichteten, dass sie zum Schluss bei Educanet2 landeten, weil weder für Lernende noch für Lehrende der zusätzliche Aufwand für das Einrichten und Zurechtbiegen anderer Tools einen pädagogischen oder didaktischen und schon gar keinen leistungsmässigen Mehrwert erzeugte.

Es wurde auch von Erfahrungen berichtet, dass die Lernenden eine Vermischung von privat und Schule nicht wünschen, also (wie auch die Erfahrungen an der International School zeigen) ein PLE nur für den schulischen Gebrauch verwenden und schon gar nicht ihre privaten Facebook usw. in der Schule zur Verfügung stellen wollen.

3 Gedanken zu „Lernplattform oder PLE ?

  1. Pingback: PLE - Was hat das mit Lernen zu tun ? 785 (2009) | knowledge management at ap

  2. Zweidrei Aussagen müsste man aus meiner Sicht noch präzisieren bzw hinterfragen.

    1.Es geht ja nicht nur um einen didaktischen Mehrwert. Wir versuchen das Niveau des althergebrachten Unterrichts in erschwertem Umfeld zu halten.
    – Bildungspläne wechseln immer schneller
    – Heterogenität der Klassen nimmt zu.
    – Immer mehr Dokumente, Favoriten, Videos usw liegen soft vor.
    – Sinnvolles Material im Internet nimmt zu
    – Führbarkeit der Klassen wird schwieriger
    Es ist eine logische Folge, dass man sich rein organisatorisch die Arbeit leichter und übersichtlicher halten will. Und die gleichen Nachteile spüren die Schüler ja auch.

    2. Zum Didaktischen Mehrwert
    Diese Frage sollte man sich im Vergleich mit den Medien Lehrbuch, Schulvideo, Sprachlabor, Lehrervortrag, Lehrgespräch usw stellen.
    Das Problem liegt ja meist nicht am Medium, sondern am Setting der Lektion.
    Bsp Sobald ich mich hinter einem Medium verstecke (langer Film, 2 Stunden Selbststudium im Buch usw, 100seitigem Skript) verliere ich den Kontakt zur Klasse bzw ihrem Lernprozess.
    Als Lehrer frage ich mich, wie kann ich heute die Klasse aktivieren, dass sie einen Freiraum ausnutzen und dabei schöpferisch wird, ohne dass meine Feedbackkapazitäten überfordert werden. Wenn wir Unterrichten auch als Beziehungsarbeit verstehen, dann sollten wir alle Medien zu Hilfe nehmen, welche dieses Beziehungsgeflecht unterstützen.
    Eigentlich benötigen wir den „Mehrwert“, um den Nachteil des schlechten Lehrer-Schüler Zahlenverhältnis wettzumachen.

  3. Du stellst hier ja eigentlich eine andere Frage: Welchen Unterricht, welche Schule wollen wir?
    Wenn eine Schule eine kulturelle Veränderung ins Auge fasst, zum Beispiel in Richtung kompromisslose Selbstverantwortung der Lernenden, weitestgehende Individualisierung der Lernprozesse, mindestens hälftige Auflösung des Klassenunterrichts und dessen Ersatz durch geplantes Coaching der Lernenden durch die Lehrenden, usw. usf…, dann blicken wir auch wieder anders auf die Tools. Und im konventionellen Kontext sinnlose Tools erhalten plötzlich einen Stellenwert.

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