LMS auf dem Sterbebett

Learning Management-Systeme, vor allem die „geschlossenen“, d.h. nicht als Open source-Baukasten konzipierten, werden von Zeit zu Zeit für tot (oder nahtot) erklärt. Als Alternativen werden Web-basierte Systeme gepriesen, die einige Social software-Funktionalitätäten plus die Fähigkeit aufweisen, fast beliebig andere Applikationen zu integrieren.

Google Wave ist ein solches neues Produkt, welches das Ende aller LMS einläuten soll. Im Prinzip ist E-Learning nicht das Zielobjekt von Google Wave. Vielmehr lädt seine Funktionalität dazu ein, es in einer E-Learning-Umgebung zu verwenden.

Das zentrale Objekt von Google Wave ist eben eine WAVE, eine Welle. Eine Wave ist eine Mischung aus Document Sharing, Forum/Chat, Wiki, Blog, Messaging und Media Viewing. Wichtig ist dabei die Echtzeit-Funktionalität (genügend Web-und Kommunikations-Bandbreite vorausgesetzt). Alle Teilnehmer an einer Wave (vielleicht wäre Surfer die passende Bezeichnung) können aktiv die Dokumente bearbeiten oder ergänzen und die Aktivitäten der anderen Teilnehmer verfolgen. Die Versionenkontrolle, eine Seufzerbrücke der Dokumentenmanagementsysteme, ist eigentlich überflüssig geworden: Gültig ist, was jetzt da ist. Ein DMS gibt es nicht mehr. Dafür aber eine History der Änderungen, ähnlich wie in einem guten Wiki.

Die Möglichkeit, andere Applikationen in Google Wave oder Google Wave in anderen Applikationen einzubinden, eröffnet neue Möglichkeiten. Michael Feldstein (Leitender Product Manager für Academic Enterprise Lösungen bei der Oracle Corporation) fordert deshalb (diplomatisch ?) anstelle der LMS die Entwicklung von LMOS = Learning Management Operating Systems.

In seinem Artikel weist Feldstein auch auf die Grenzen von Google Wave als Lernapplikation hin: Lehrende wollen doch das Lernen irgendwie strukturieren können (inhaltlich und zeitlich). Und Lehrende müssen das Resultat des Lernens verfolgen und bewerten können. Für beides braucht es ein System, das die Teilnehmenden „verwaltet“, Berechtigungen zeitgerecht zuweist und Resultate unter Berücksichtigung von Datenschtz und Urheberrecht erfasst. So etwas ist bei Google Waves nicht ersichtlich, würde wohl sogar eher seiner Philosophie wiedersprechen!

Im gleichen Zusammenhang bekräftigt Mark Notess (Indiana University, Entwicklung der digitalen Bibliothek) in einem Artikel „Not dead yet“ die Existenzberechtigung herkömmlicher LMS. Zusätzlich zu den erwähnten Problemen der Kontrolle des Lernens und Lernerfolgs durch Lehrende und des Schutzes der Privatsphäre von Lernenden stellt Notess nüchtern fest, dass auch in absehbarer Zeit nur eine Minderheit von Lehrenden fähig und/oder gewillt sein wird, zusammengeschusterte Open source -Tools zu verwenden, wenn sie dafür ihre vertraute LMS-Umgebung verlassen müssen.

Diese Diskussion bestand auch schon vor der Ankündigung von Google Waves, indem WordPress (mit seinen verbesserten Funktionen und zahllosen Plugins, oder als WordPress MU) als Alternative zu einem LMS postuliert worden sei (dazu habe ich allerdings keinen erhellenden Artikel im Web gefunden, höchstens Denkansätze im Zusammenhang mit PLEs z.B. von James Farmer).

Ein Gedanke zu „LMS auf dem Sterbebett

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