Zuvielisationskrankheit

Die vielbeklagte Informationsflut stellt uns immer wieder vor die Frage:

Was muss ich denn wirklich wissen ?

Und: Was muss festgehalten werden ?

Matthias Morgenroth hat sich aus einer allgemein gesellschaftlichen Optik mit dem Thema befasst und mich zu weiteren Gedanken angeregt.

Referenz:
Morgenroth, M. (2009), „Hunger“, Publik-Forum 2009/08, vom 24.04.09, p. 52-55.

Wir leiden unter nicht einfach unter dem Wohlstand sondern unter dem „Zuviel des Guten“. Der Autor schreibt nicht gegen das „Es sich gut gehen lassen“, sondern gegen das „Zuviel“. Worauf ja dann prompt die Klage folgt: „Ich schaff’ es nicht !“

Wo treffen wir die Zuvielisationskrankheit an ?

  • Offensichtlich bei der Esskultur. Folgen: Übergewicht, Esssucht, Magersucht usw.
  • Schon leicht verdeckt: bei der Arbeit (Erwerbsarbeit plus Familien- und Hausarbeit).
    Folgen: Burn-out, wegen zuviel Verantwortung, zu hohen Anforderungen, Perfektionismus, Leistungsdenken usw.; oft stellen wir uns diese zu hohen Anforderungen auch selber. Vor dem Burn-out heisst es bis fast zuletzt: „Ich schaff’ das schon.“
  • Unruhe, zuviel Unruhe in der beschleunigten Gesellschaft; zuviel Kommunikationsmittel, die zu überwachen sind; Veränderungen in immer kürzeren Abständen.
  • Auskosten aller Betätigungs-Möglichkeiten als Ersatz für Freiheit: Bungee Jumping, Autoraserei, … Der Adrenalinspiegel darf nicht mehr herunterkommen. Individuelle Konsum- und Lustmaximierung (natürlich zu Lasten der Allgemeinheit). Die Manager-Boni sind nur eine Spielart davon.

Freiheit und Markt
Bleiben wir noch etwas beim Auskosten aller Möglichkeiten: Alles scheint möglich. Wir empfinden das als grosse Chance. Die Frage stellt sich: „Sind alle Möglichkeiten auch immer Möglichkeiten für mich, oder nur gut vermarktete Angebote ?

Patchwork-Identität
Heiner Kempp spricht von einer „Patchwork-Identität“, einem Flickenteppich von ein bisschen ausprobierten oder parallel verfolgten Lebens- und Sinnfindungsprozessen: ein bisschen Familie, ein bisschen Freunde, ein bisschen Auslandaufenthalt, ein bisschen Karriere, ein bisschen Kinder, ein bisschen Buddhismus, ein bisschen Trauung in der Kirche. Alles dient der Selbstverwirklichung.

Getriebensein
Das Getriebensein ist ein allgemeines Symptom der Zuvielisationskrankheit. Es kommt zu einer Steigerungsdynamik, die ein Ausdruck von Unsicherheit und Unbefriedigtsein ist, also dem Gegenteil von Freiheit.

Boundary Management

Es ist eine neue Kompetenz gefordert: „Boundary Management“. Also die Fähigkeit, Grenzen gegen das Zuviel zu setzen. Ausprobieren ist eine (evolutionär wichtige) menschliche Fähigkeit, das Passende zu finden. Das heisst aber nicht, dass man auch alles ausprobieren muss. Clevere, stabil erfolgreiche Menschen (im Guten wie im Schlechten) finden bald die wenigen Dinge, die auszuprobieren für ihre Entwicklung wirklich hilfreich sind.

Wahre Freiheit

Es kommt in der Beschränkung das gute Gefühl, ich hab’s für mich gefunden, ich muss mich nicht weiter antreiben (lassen). Dann entsteht erst wahre Freiheit, im Gleichgewicht und Mass.

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