Vorbemerkung: Die Sache mit den keltischen Festen ist kompliziert. Das Folgende ist meine Wahrnehmung der vielen Varianten und Erklärungen. Es gibt auf jeden Fall einige kompetente Expert/innen und Kenner/innen, die Fundierteres aussagen.
Samhain und der keltische Jahreskreis
Es fällt auf, dass der keltische Jahreskreis sich weniger an der Sonne orientiert (Sonnwenden, Tag-und-Nacht-Gleichen), sondern um etwa 45 Grad dagegen verschoben ist. Die keltischen Jahresfeste sind also vermutlich Jahreszeitenfeste, die markante Daten im Jahreskreislauf der Bestellung der Felder, Säen, Ernten usw. feiern. Diese Feste einer Agrar-Kultur wurden mit mythologischen Begebenheiten und der Verehrung entsprechender Götter verbunden. Entsprechend dem ewigen Werden und Vergehen in der Natur gibt es nicht einen eigentlichen Jahresbeginn (je nach Kalender markieren Samhain oder Beltane einen Jahresanfang). Typisch ist, dass hier die Natur den Takt für die Feste vorgibt.
Die genaue Datierung der vier Feste erfolgte ursprünglich nach dem Mondkalender. Samhain z.B. am 11. Neumond nach der Wintersonnwende. Aus praktischen Gründen wurden die Feste aber erst mit der Zeit fixiert [1].

Samhain am 31. Oktober/1. November markiert das Ende des Sommers bzw. den Anfang des Winters. Es ist ein Fest für die Erdgottheiten, deren Ruhezeit jetzt beginnt.
An Samhain und in der Nacht davor ist bildlich gesprochen der Schleier zwischen unserer Welt und den Anderswelten besonders dünn. Da in der Nacht vor Samhain die Elfen oder allgemein Wesen der Anderwelt unterwegs sind, ist es ratsam, sich zu verkleiden, um nicht erkannt oder nicht als «Schönheit» entdeckt zu werden. Geschnitzte Kürbisse (oder Runkelrüben) sollen Haus und Hof schützen.
Es gibt zahlreiche Mythen um Samhain, die hier nicht weiter erwähnt werden sollen. In der christlich-neuheidnischen Umdeutung wurde Samhain zu einem Fest des Sterbens, des Todes, dem Dunklen; sozusagen zum Gegenpol von Beltane.
Halloween entspricht ursprünglich Samhain und wurde wohl von den irischen Einwanderern nach USA gebracht. Von dort aus wurde es zum kommerziellen Erfolg in der ganzen westlichen Welt.
Allerheiligen am 1. November dürfte für einmal nicht eine Christianisierung eines vorchristlichen Festes sein. Allerheiligen wurde unabhängig davon im Mittelalter in Italien eingeführt und sollte ein Tag des Gedenken an alle Heiligen werden.
Allerseelen am 2. November würde durch die Verbindung mit der Welt der Toten schon eher zu Samhain passen. Es ist kein Wunder, dass Allerseelen in vielen Ländern und Kulturen mit vorchristlichen Gedenkritualen für die Verstorbenen kombiniert wird. Allerseelen stemmt ebenfalls aus dem Mittelalter, wurde aber erst in der Neuzeit zu einem offiziellen kirchlichen Fest.
Noch ein paar Worte zur Aussprache. Vorbemerkung: Die Gesetz-mässigkeiten der gälischen Aussprache habe ich bis heute absolut nicht verstanden. Dazu kommen viele regionale Dialekte und die Versuche einer Übertragung in die englische Hochsprache. Immerhin: Zumeist ist der Akzent auf der ersten Silbe.
Samhain: irisch-gälisch etwa wie «Sauenj» (leicht nasal gesprochen, wobei das «e» fast wie ein «i» tönt); schottisch-gälisch ist etwas einfacher: «Saawin».
Imbolc (1. Februar): etwa wie «Imbolg».
Fest der Erwartung des Frühlings. Hat mit den Schafen zu tun (Milchgebung für die Jungen). Auch ein Reinigungsfest und ein Lichterfest.
Beltane (1. Mai): etwa wie «Baltenje» oder «Balteine».
Beginn der warmen Jahreszeit und damit der Feldarbeit. Fest der Erneuerung.
Lughnasadh (1. August): wie «Lugnasad», wobei das «d» am Ende dem stimmlosen englischen Lispel-«th» entspricht. Der Akzent kann auch auf der 2. Silbe sein, weil es sich um ein zusammengesetztes Wort handelt. Beginn der Erntezeit (Herbst). Gemeinschaftsfest (wie Erntedankfest).
Interessant ist, dass im Gegensatz zu den christlichen Festen die keltischen Jahreszeitenfeste auf der südlichen Halbkugel (von Einwanderern aus ursprünglich keltischen Gebieten) um ein halbes Jahr verschoben, also im Einklang mit den Jahreszeiten gefeiert werden.
[1] … im Gegensatz zu unseren Frühlingsfesten, deren Termine von Fasnacht bis Pfingsten nach dem Mondkalender festgelegt werden 😉.