Kategorie-Archiv: Betrachtungen

Weisses Gold in der Oberen Mühle Oltingen

Nein, in der Oberen Mühle Oltingen wird kein Gold gemahlen, auch kein Salz, das mit dem weissen Gold eigentlich gemeint ist.

Ines Henner und Thekla Michel haben eine neue Veranstaltungsreihe (oder ein neues Format wie man heute sagt) mit dem Namen “Märchenzauber” zur Belebung der Märchen-Lesebibliothek Baselland in Oltingen ersonnen und erstmals durchgeführt. Die Idee ist, zu einem Thema ein oder mehrere Märchen zu erzählen und dann darüber auszutauschen, Persönliches, Alltägliches, Tiefsinniges, Symbolisches, …… Auch eine praktische Betätigung gehört dazu.

Startveranstaltung am 25. Januar 2026. Thema “Salz” oder eben “das weisse Gold”. Wir kennen wohl alle das Märchenmotiv, wo der König seine drei Töchter fragt, wie lieb sie ihn hätten. Während die beiden älteren Töchter ihren Vater lieben wie Schmuck, schöne Kleider und andere materielle Dinge, liebt die jüngste ihren Vater wie Salz. Sie wird verstossen und davongejagt. Und irgendwann kann sie, meist unerkannt, ihrem Vater beweisen, dass Salz wertvoller ist als alles andere Materielle auf der Welt. Damit wird auch klar, dass es natürlich nicht nur ums Würzen geht, sondern Salz für sehr viele andere, immaterielle Dinge steht. So kommt Salz auch in vielen Sprichwörtern oder auch in der Bibel vor. Salz ist immer noch ein besonderer “Stoff”; wenn es auch nicht mehr sehr teuer ist, beweisen doch die immer noch bestehenden Salzmonopole (auch in der Schweiz) seine Bedeutung.

Ines Henner erzählte zu Beginn eine sehr schöne slowakische Variation zum bekannten Märchenthema “lieb wie Salz”: Salz ist wertvoller als Gold. Über eine Stunde angeregter und persönlicher Austausch liess uns fast vergessen, dass auch Kaffee und Kuchen warteten. Zum Abschluss stellten wir als Erinnerung gemeinsam ein Kräutersalz her.

Weitere Märchenzauber-Nachmittage in der Agenda der Oberen Mühle Oltingen.

Basler Erzählkreis – Samhain, Halloween, Allerheiligen

Am 31. Oktober 2025 fand das Herbst-Treffen des Basler Erzählkreises in der Buchhandlung Ganzoni beim Spalentor Basel statt. Der Termin, der sich mehr zufällig als gewollt ergeben hatte, inspirierte das Leitungsteam zum Thema “Samhain, Halloween, Allerheiligen”.  Der Kreis, wie immer eher ein längliches Oval, füllte sich wieder zu fast 20 Märchenleuten aus der Region (den Kantonen Basel-Landschaft, Basel-Stadt, benachbarten Gebieten von Solothurn, Fricktal und Schwarzwald). Viele hatten sich auch gemeldet, eine Geschichte erzählen zu können. Der Austausch zu den Märchen war persönlich und intensiv, alle waren dankbar für die Pause mit Getränken und Knabbereien, die Raum für bilaterale Gespräche (Networking) bot.

Illustration von John D. Batten für Tamlane in More English Fairy Tales

Ich hatte die Freude, den Abend mit dem schottischen Märchen “Tam Lin” eröffnen zu dürfen. Eine längere Diskussion bot die Gelegenheit das Wesen von Elfenmärchen und den drei mit dieser Nacht verbundenen Festen zu vertiefen.

Es gibt viele Tam Lin-Erzählungen. Meine Variante ist abgeleitet von der
Tam Lin-Ballade aus der Sammlung «The English and Scottish Popular Ballads» (Ende 19. Jhdt. herausgegeben von Francis James Child).
Ich verwende anstelle des englischen Begriffs «elves» den Begriff «Feen», weil wir im deutschen uns unter Elfen meist etwas anderes vorstellen. Das Feenreich meiner Erzählung ist also das Reich der Elfen. Unsere «Feen» hingegen entstammen dagegen oft der europäischen Mythologie der Schicksalsgöttinnen, Devas u.ä.
Anstelle von «Janet» heisst die Heldin bei mir «Margreth», wie sie viel seltener auch in den Tam Lin-Geschichten genannt wird. Mit ihrem grünen Kleid und ihrer Rolle als Erlöserin eines Mannes aus der Feenwelt erinnert sie mich an die “grüne Frau” die dann als christliche Verkörperung der Landschaftsgöttin, welche mit den alten Mächten der Gegend, eben den elves, im Konflikt steht. Wenn Tam Lin im Alpenraum spielen würde, wäre sie die heilige Margareta von Antiochia (aus dem 3. Jhdt.). Diese wird in ländlichen Regionen als Hüterin einer Landschaft und deren Fruchtbarkeit überall verehrt (siehe z.B. Canzun de sontga Margriata aus der Surselva) und oft mit einer gezähmten Schlange (Drachen) dargestellt. Bei uns ist die Margareta die «alte Heilige», welche z.B. in der erwähnten surselvischen Ballade durch einen patriarchalischen Übergriff vertrieben wird.
In der Mythologie (nicht nur der keltischen) war die Vereinigung der Landschaftsgöttin mit einem auserwählten Manne (ursprünglich dem Äquivalent des Gottes Pan) wichtig für die Fruchtbarkeit der Erde. Hier ist es die Vereinigung von Margreth/Janet mit Tam Lin.
Vorsichtshalber sei erwähnt, dass es auch eine in Schottland beheimatete heilige Margareta gibt, die im 11. Jhdt. als Königin von Schottland eine selbstlose Wohltäterin gewesen war und im 12. Jhdt. heilig gesprochen wurde. Diese schottische Heilige war übrigens eine Schwiegertochter des Königs, der von MacBeth ermordet worden war, und soll ihren Mann davon abgebracht haben, ewige blutige Rache an den MacBeth’s zu nehmen.

Wir diskutierten auch über die Besonderheiten keltischer Märchen, den Begriff “Elfen” bzw “Feen” und die keltischen Feste sowie deren Bezug zu Halloween und Allerheiligen.

Rosemarie Flückiger, Erna Dudensing, Eliane Tobler und Amanda Gasser erzählten in der Folge weitere spannende, herzerwärmende, fröhliche und manchmal auch unheimliche Geschichten.

Samhain und der keltische Jahreskreis

Vorbemerkung: Die Sache mit den keltischen Festen ist kompliziert. Das Folgende ist meine Wahrnehmung der vielen Varianten und Erklärungen. Es gibt auf jeden Fall einige kompetente Expert/innen und Kenner/innen, die Fundierteres aussagen.

Samhain und der keltische Jahreskreis

Es fällt auf, dass der keltische Jahreskreis sich weniger an der Sonne orientiert (Sonnwenden, Tag-und-Nacht-Gleichen), sondern um etwa 45 Grad dagegen verschoben ist. Die keltischen Jahresfeste sind also vermutlich Jahreszeitenfeste, die markante Daten im Jahreskreislauf der Bestellung der Felder, Säen, Ernten usw. feiern. Diese Feste einer Agrar-Kultur wurden mit mythologischen Begebenheiten und der Verehrung entsprechender Götter verbunden. Entsprechend dem ewigen Werden und Vergehen in der Natur gibt es nicht einen eigentlichen Jahresbeginn (je nach Kalender markieren Samhain oder Beltane einen Jahresanfang). Typisch ist, dass hier die Natur den Takt für die Feste vorgibt.

Die genaue Datierung der vier Feste erfolgte ursprünglich nach dem Mondkalender. Samhain z.B. am 11. Neumond nach der Wintersonnwende. Aus praktischen Gründen wurden die Feste aber erst mit der Zeit fixiert [1].

Samhain am 31. Oktober/1. November markiert das Ende des Sommers bzw. den Anfang des Winters. Es ist ein Fest für die Erdgottheiten, deren Ruhezeit jetzt beginnt.

An Samhain und in der Nacht davor ist bildlich gesprochen der Schleier zwischen unserer Welt und den Anderswelten besonders dünn. Da in der Nacht vor Samhain die Elfen oder allgemein Wesen der Anderwelt unterwegs sind, ist es ratsam, sich zu verkleiden, um nicht erkannt oder nicht als «Schönheit» entdeckt zu werden. Geschnitzte Kürbisse (oder Runkelrüben) sollen Haus und Hof schützen.

Es gibt zahlreiche Mythen um Samhain, die hier nicht weiter erwähnt werden sollen. In der christlich-neuheidnischen Umdeutung wurde Samhain zu einem Fest des Sterbens, des Todes, dem Dunklen; sozusagen zum Gegenpol von Beltane.

Halloween entspricht ursprünglich Samhain und wurde wohl von den irischen Einwanderern nach USA gebracht. Von dort aus wurde es zum kommerziellen Erfolg in der ganzen westlichen Welt.

Allerheiligen am 1. November dürfte für einmal nicht eine Christianisierung eines vorchristlichen Festes sein. Allerheiligen wurde unabhängig davon im Mittelalter in Italien eingeführt und sollte ein Tag des Gedenken an alle Heiligen werden.

Allerseelen am 2. November würde durch die Verbindung mit der Welt der Toten schon eher zu Samhain passen. Es ist kein Wunder, dass Allerseelen in vielen Ländern und Kulturen mit vorchristlichen Gedenkritualen für die Verstorbenen kombiniert wird. Allerseelen stemmt ebenfalls aus dem Mittelalter, wurde aber erst in der Neuzeit zu einem offiziellen kirchlichen Fest.

Noch ein paar Worte zur Aussprache. Vorbemerkung: Die Gesetz-mässigkeiten der gälischen Aussprache habe ich bis heute absolut nicht verstanden. Dazu kommen viele regionale Dialekte und die Versuche einer Übertragung in die englische Hochsprache. Immerhin: Zumeist ist der Akzent auf der ersten Silbe.

Samhain: irisch-gälisch etwa wie «Sauenj» (leicht nasal gesprochen, wobei das «e» fast wie ein «i» tönt);  schottisch-gälisch ist etwas einfacher: «Saawin».

Imbolc (1. Februar): etwa wie «Imbolg».
Fest der Erwartung des Frühlings. Hat mit den Schafen zu tun (Milchgebung für die Jungen). Auch ein Reinigungsfest und ein Lichterfest.

Beltane (1. Mai): etwa wie «Baltenje» oder «Balteine».
Beginn der warmen Jahreszeit und damit der Feldarbeit. Fest der Erneuerung.

Lughnasadh (1. August): wie «Lugnasad», wobei das «d» am Ende dem stimmlosen englischen Lispel-«th» entspricht. Der Akzent kann auch auf der 2. Silbe sein, weil es sich um ein zusammengesetztes Wort handelt. Beginn der Erntezeit (Herbst). Gemeinschaftsfest (wie Erntedankfest).

Interessant ist, dass im Gegensatz zu den christlichen Festen die keltischen Jahreszeitenfeste auf der südlichen Halbkugel (von Einwanderern aus ursprünglich keltischen Gebieten) um ein halbes Jahr verschoben, also im Einklang mit den Jahreszeiten gefeiert werden.

[1]     … im Gegensatz zu unseren Frühlingsfesten, deren Termine von Fasnacht bis Pfingsten nach dem Mondkalender festgelegt werden 😉.

Elfen ! Elfen ?

Hauptquelle für das Thema «elves» ist Irland. Mythologisch erlebte Irland eine ganze Reihe von Invasionen und, sofern erfolgreich, entsprechende Zeitalter. Die Elfen waren je nach Quelle die zweite, dritte oder vierte Invasionswelle und begründeten ein sehr lange währendes Zeitalter, das die spätere keltische Kultur stark beeinflusste. Die «historische» Bezeichnung der Elfen lautet «Túatha Dé Danann» (ausgesprochen «Tuahe de Dannen»). Damit wird auf ihre Abstammung von der Göttin «Danu» verwiesen. Danu (auch Dana genannt) kämpfte auch bei der Invasion der Elfen als Zauberin an der Seite «ihres Volkes».

Elfen-Prozession (von einer Webseite zur isländischen Elfenkultur: https://unsere-natur.net/elfen-in-island-mythen-und-uberzeugungen/

Die Elfen konnten die ersten Invasionen neuer Völker erfolgreich zurückschlagen. Z.B. besiegten sie die «Fomori» an Samhain. Sie wurden aber in späterer Zeit von den «Milesiern» besiegt. Die Milesier gehörten zu den eigentlichen Gälen. Der Mythos erzählt, dass im Friedensvertrag den besiegten Elfen versprochen wurde, dass sie die Hälfte von Irland bekommen sollten. Die Elfen freuten sich aber zu früh, weil die Sieger ihnen das Reich unter Erde und sich selber das Reich über der Erdoberfläche zuwiesen. Deshalb leben in der iroschottischen Geschichtenwelt die Elfen unterirdisch in den Elfenhügeln, den «Sidhe». In der Nacht vor Samhain dürfen sie als Erinnerung an ihren Sieg über die Fomori die Sidhe verlassen und über ihr ehemaliges Land reiten.

Krieger-Elfen (aus einer holländischen Comic-Serie)

Die Elfen sind grösser als Menschen und haben helle Haut und helles Haar. Grundsätzlich sind die Elfen den Menschen nicht feindlich gesinnt, aber sie entführen gerne schöne Menschen oder sogar Bébés, weil die ihnen einfach gefallen.

Im «Herr der Ringe» kämpfen die Elfen, insbesondere ein gewisser Legolas, an der Seite der Helden. In den Geschichten sind die Elfen manchmal Helfer, manchmal Widersacher der Menschen.

Aus den mythischen Zeiten stammen neben den «schönen» Elfen auch die vielen anderen Wesen der Anderwelt, welche die iroschottischen Geschichten bevölkern. In der Volkskultur sind sie alle immer noch sehr präsent. Es sollen sogar Strassenpläne so geändert werden, dass sie die Wohngebiete der Elfen nicht tangieren.

In unserer Kultur entsprechen eher die Feen diesen keltischen elves. Die Elfen sind bei uns “nur” noch herzige geflügelte Wesen, die von Blüte zu Blüte huschen (Blumenelfen), auf englisch oft “fairies” genannt. Unsere Feen gehören zum Reich der Göttinnen und götterähnlichen Frauen, z.B. sind sie Schicksals-Frauen und treten so in der Dreiheit auf.

 

Schottische Märchen und Irische Märchen

Obwohl die Nähe zur Feenwelt (korrekter wäre “Welt der Elfen”) sehr irisch anmutet, ist Tam Lin ein Märchen aus Schottland. Irische Märchen (siehe Bücher mit Märchen aus Irland) sind meist keine Märchen in unserem Sprachgebrauch sondern eher Mythen und Sagen.

Möglicher Grund: Irische «Märchen» befassen sich oft mit der mythischen Geschichte und den Helden (selten Heldinnen) Irlands oder sind Sagen von den Wesen der Anderwelt. Eine Verschriftlichung beginnt erst im 19. Jhdt.,; vorher gab es nur mündliche Überlieferung (Gedächtniskultur) oder einzelne Schriften von Mönchen. Die irische Mythologie «ersetzt» in der Volkskultur die historische Beschreibung der Geschichte. Ein Vergleich mit dem Alten Testament der Bibel drängt sich auf.

Schottische Geschichten wurden als epische Gedichte, Balladen genannt, seit dem 16. Jhdt. aufgezeichnet und sind dabei mehr und mehr zu Zauber-Märchen geworden. Das Motiv dabei ist oft die Erlösung eines Menschen aus der Verzauberung, Verstrickung in der Feenwelt; Erlösung dank der aufopfernden Liebe eines gegengeschlechtlichen Menschen (anderes bekanntes Beispiel: Catherine-knack-die-Nuss). Die Schotten lieben in ihren Sagen unheimliche und manchmal skurrile Begegnungen von Menschen mit der Anderwelt.

Meine “Tam Lin”-Version ist stark an die Ballade Nr. 39 in der Sammlung von Francis James Child angelehnt.

Paarmärchen – Märchenpaare

Märchenpaare ?

Auf den ersten Blick wimmelt es in den Märchen von Paaren. Wenn wir einfach auf der Ebene des Märchens als “Sozialdrama” bleiben, merken wir bald, dass es meist darum geht, den richtigen Partner, die richtige Partnerin zu finden und zu gewinnen. Als Teil des Lebenswegs der Märchenheldinnen und -helden oft mit Reifungsprozessen und Prüfungen verknüpft.

Wenn Märchen bestehende Paare beschreiben, finden wir oft defizitäre, der Erlösung harrende oder sogar destruktive Beziehungen. Häufig wird der defizitäre Aspekt bildlich durch unerfüllten Kinderwunsch ausgedrückt. In vielen Märchen kommen aber gar keine Paare vor, Ein-Eltern-Familien, Waisen, verachtete oder verstossene Kinder stehen im Zentrum.

Überhaupt liegt die Chance für eine fruchtbare Entwicklung oft bei den Kindern, während eine Entwicklung beim Elternpaar selten beschrieben ist.

Paarmärchen ?

Märchen, die von sich entwickelnden Paaren oder guten Paarbeziehungen handeln, sind dementsprechend die Ausnahme.

Na und ?

Ich zitiere ungenau Professor Josef Imbach, einem bekannten Theologen und tiefenpsychologisch Märchen interpretierenden Autor, der kürzlich in einem Vortrag sinngemäss sagte:

Märchen sind Geschichten, die sich so nie zugetragen haben, und
dennoch die alltägliche Erfahrungswelt der Menschen widerspiegeln.

Auch wenn die Märchen von verzweifelten Paaren, ihre Kinder mit grossen Persönlichkeitsdefiziten “beglückenden” oder gar ihre Kinder in lebensgefährliche Situationen bringenden Eltern berichten, das in der Regel eintreffende Happy end lässt hoffen, auch für den eigenen Lebensweg.

Die zwölf Jäger – eine kleine Betrachtung

 

Die zwölf Jäger

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Brüder Grimm KHM 76 (ursprünglicher Titel: Der König mit dem Löwen)

Märchentyp: ATU 884 (Frau in Männerkleidern) und ATU 313 (Magische, aber nicht unbedingt zaubernde/hexende Flucht/Suche/Verführung – Das Mädchen als Helferin)


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Einige Gedanken zum Märchen
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Auf der äusseren Ebene haben wir hier ein Genderthema, männliches-weibliches äusserliches Verhalten (inkl. Kleidung als „Persona“-Symbol), in einer Biedermeier-Typisierung der Frauen- und Männerrollen. Heute empfinden wir das fast als Karikatur. Aber ein kleiner Ausflug in die Stadt, besonders am Abend in ein von Jungen frequentiertes Quartier (in Basel die Achse Steinen-Barfi-Gerbergasse), zeigt uns rasch die Aktualität der im Märchen geschilderten Geschlechter-Stereotypen.

Eine Ebene tiefer betrachtet: der Mann gehorcht seinem Vater (Chef, Über-Ich), die Frau gehorcht ihrem Herzen (und zieht daraus grosse Kräfte). Weiterlesen

Mährchen von einem, der auszog das Fürchten zu lernen

Mährchen von einem, der auszog das Fürchten zu lernen (KHM 4)

Schon gleich schon an vierter Stelle der Gesamtausgabe der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm kommt ein „Mährchen“, dass ich zwar schon manchmal gelesen habe (vor allem auch in meiner Kinderzeit !). Aber nie hatte ich Lust mich ernsthaft damit zu befassen. Was sollen diese blöden Horrorstories vom Verkleidungstheater des Küster bis zum toten Vetter im Bett? Die Grimms haben die Erstfassung ja auch noch ziemlich ausgeschmückt.

Manche Leute bezeichnen die Geschichte als Schwankmärchen. Da bin ich mir nicht so sicher. Es kommen auch viele Motive vor, die sonst eher für Sagen typisch sind. Und der Held macht klar eine Entwicklung durch. Natürlich könnte man wohl auch einiges Gescheites über die vorkommenden Symbole schreiben. aber worum geht es denn wirklich?

Erst kürzlich im Gespräch mit Freundinnen und Freunden ist mir das eine oder andere Assoziations-Licht angezündet worden.

Was sind die Qualitäten des Helden? Er geht grundsätzlich positiv an Abstossendes heran und kann irgendwie mit allem umgehen. Er zeigt Mitleid mit den Leichen und Ungeheuern, zumindest so lange, bis sie nicht ihm ans Lebendige gehen. Dann wird er gnadenlos.

Er wird immer wieder mit Toten konfrontiert. Nimmt er selber den Tod zu wenig ernst? Zumindest geht er mit ihnen um, wie wenn sie gar nicht tot wären. Manchmal verhalten sie sich richtig (die gehenkten), manchmal aber zeigen sie auch lebendige Reaktionen (der tote Vetter).

Feuer hat er immer dabei, um sich und die anderen zu wärmen. Allerdings verpufft seine Wärme: seine Begegnungen sind alle tot oder sonstwie „unlebendig“. Und am Schluss löscht die Magd seiner Frau das Feuer?

Das Wort „Gruseln“ gäbe auch zu reden. Was ist damit gemeint? Der Märchenheld fürchtet nichts, hat auch keine Angst (Kierkegaard). Muss er da etwas lernen? „Cool sein“ ist doch auch eine Haltung. Die Psychotherapeutin B. Diepold (http://www.diepold.de/barbara/diese_wut.pdf) berichtet in einem Aufsatz von einem traumatisierten Kind, dass immer wieder dieses Märchen hören wollte, um an seine Gefühle heran zu kommen.

Wenn’s schon dem Helden nicht gruselt, soll es dafür umso mehr dem Leser (z.B. mir als Kind) gruseln? „Gfürchiges“ hat ja auch eine grosse Faszination: no fear, no fun.Jetzt gruselt's mir

Das Märchen ist ja eine rechte Männergeschichte. Erst nach der Hochzeit, also der Integration des fehlenden Weiblichen, erlebt der Held das Gruseln. Er findet Zugang zu seinen (symbolisch gesehen) weiblichen Seiten und kann jetzt starke Gefühle (Wasser und Fische) wahrnehmen. Also war das oben erwähnte Mitleid eher rational als ein Gefühl. Erst jetzt findet er den Zugang zu seinen Gefühlen und kann eine Schwäche eingestehen. Und mit den Fischlein kommt er wohl auch in Kontakt mit seiner Sexualität.

Als Ironie des Schicksals: Nur dank seiner Furchtlosigkeit bis zuletzt, kann er die Königstochter heiraten, deren Magd ihn das Gruseln lernt.

Sicher liegen wir richtig, wenn wir die Geschichte als Darstellung eines Reifungsprozesses verstehen, auch wenn nicht alle Begebenheiten schlüssig zu interpretieren sind.

Prinz Schwan

2012 jährt sich die Erstausgabe der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm zum zweihundertsten Male. Ein Grund mehr, um sich die Märchen der Erstausgabe genauer anzusehen.

Ein Märchen, das ich in den folgenden Ausgaben echt vermisse, ist „Die weisse Taube“.

Zum Glück stehen uns heute als Quellen alle Ausgaben der KHM zur Verfügung, z.B. bei ZENO. Auch die vorangegangenen handschriftlichen Aufzeichnungen liegen gedruckt vor, z.B. bei Derungs (2010) 1).

SchwanIch habe mich seit einiger Zeit mit der erzählreifen Erarbeitung des „Prinz Schwan“ befasst, bis ich zum Schluss kam, dass ich den Prinzen halt Schwan sein lasse. Ich verstehe jetzt auch etwas, weshalb die Brüder Grimm das Märchen aus der Sammlung gekippt haben. Zum Märchentyp ATU 425 („Die Schöne und das Tier“) gibt es ja genügend andere, mehr begeisternde Märchen.

Das Märchen scheint eine krude Mischung zahlreicher Motive aus anderen Märchen zu sein, ohne dass diese zu einer geschlossenen Geschichte zusammengewachsen wären. Schon der Beginn ist etwas unvermittelt:

Es war ein Mädchen mitten in einem großen Wald, da kam ein Schwan auf es zugegangen, der hatte einen Knauel Garn, und sprach zu ihm: „ich bin kein Schwan, sondern ein verzauberter Prinz, …..“

Offensichtlich hatten die Brüder Grimm wenig Lust, das Märchen derart tiefgehend zu überarbeiten. Auch sprachlich entspricht es noch nicht dem KHM-Niveau.

Es gibt natürlich noch andere Patchwork-Märchen in den KHM. Aber dort haben die Brüder Grimm jeweils ein geschlossenes Ganzes geschaffen (Bsp. Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein).

1) Derungs, Kurt (Hrsg.), Die ursprünglichen Märchen der Brüder Grimm,
    Verlag edition amalia, 2., erweiterte Auflage 2010