Ich werde wahrgenommen, also bin ich.

Mit dieser Abwandlung des berühmten “Ich denke, also bin ich” von Descartes beginnt B. von Guretzky einen Artikel über Wikis, Blogs und Wissensmanagement.

Der Artikel enthält eine gute Zusammenfassung über die bekanntesten “Web 2.0”-Tools, die in der einen  der anderen Form auch im Wissensmanagement Anwendung finden. B. von Guretzky beschreibt mehrere Beispiele und geht dabei vor allem auf die drei Themen “Blog”, “Wiki” und “RSS-Feed” ein. Obwohl nicht als “abschliessender” Beitrag gedacht, stellt der Artikel gut nachvollziehbare Gedanken zum Thema zusammen.

Aus philosophischer Sicht sind zwar beide Ansätze sehr diskutabel, weil sie, sowohl unser Denken wie auch unser Drang wahrgenommen zu werden, durch ihre Verknüpfung mit dem Ego gerade den Blick auf das Sein verhindern. Aber darum geht es ja hier auch nicht. Es geht eher darum, wie die zunehmende Bereitschaft der Menschen, sich und ihr Wissen zu präsentieren dem Erfolg eines Unternehmens dienen können. Und da geht es nicht um das Sein, sondern um das Haben.

Wer mit Jugendlichen in der Ausbildung arbeitet, teilt vielleicht meine Erfahrung, dass Lernende viel unkomplizierter sind als früher, wenn es darum geht sich und ihr Wissen zu präsentieren. Dies macht die Kommunikation einfacher, und Vorträge halten und Präsentieren stresst nur noch, weil dies arbeitsintensive Vorbereitungen bedingt. Möglich, dass die Volksschule Präsentieren besser in ihren Lehrplan verwirklicht hat als früher, wo jeder Vortrag für die Lernenden ein Horrorszenario bedeutete. Bestimmt befinden wir uns aber diesbezüglich in einem kulturellen Wandel, für welchen die Blog-Szene nur ein Symptom ist.

Wilhelm Grimm, Heliand und Parzival

Die Brüder Grimm waren Philologen und gehörten zu den ersten Germanisten, welche die Wörter der deutschen Sprache in der Literatur bis ins Mittelalter zurückverfolgten. So erschien 1854 als ihr Hauptwerk (neben den viel bekannteren Kinder- und Hausmärchen) das „Deutsches Wörterbuch“, in welchem nebenbei gesagt das Wort „Glaube” 70 Seiten einnimmt.

Aus den Vorlesungs-Vorbereitungen von Wilhelm Grimm ist ersichtlich, dass er sich intensiv mit den beiden Epen „Der Heliand” (aus dem 9. Jhdt.) und „Parzival” (Wolfram von Eschenbach, 13. Jhdt.) befasste und ohne Zweifel darin auch die Bezüge zu den Märchen suchte. Weiterlesen

Beginn und Ende der Vorrede von 1810

Wir finden es wohl, wenn Sturm oder anderes Unglück, vom Himmel geschickt, eine ganze Saat zu Boden geschlagen, daß noch bei niedrigen Hecken oder Sträuchen, die am Wege stehen, ein kleiner Platz sich gesichert und einzelne Aehren aufrecht geblieben sind. Scheint dann die Sonne wieder günstig, so wachsen sie einsam und unbeachtet fort, keine frühe Sichel schneidet sie für die großen Vorrathskammern, aber im Spätsommer, wenn sie reif und voll geworden, kommen arme, fromme Hände, die sie suchen; und Aehre an Aehre gelegt, sorgfältig gebunden und höher geachtet, als ganze Garben, werden sie heimgetragen und Winterlang sind sie Nahrung, vielleicht auch der einzige Samen für die Zukunft. So ist es uns, wenn wir den Reichthum deutscher Dichtung in frühen Zeiten betrachten, und dann sehen, daß von so vielem nichts lebendig sich erhalten, selbst die Erinnerung daran verloren war, und nur Volkslieder, und diese unschuldigen Hausmärchen übrig geblieben sind.
……
Wir übergeben dies Buch wohlwollenden Händen, dabei denken wir überhaupt an die segnende Kraft, die in diesen liegt, und wünschen, daß denen, welche diese Brosamen der Poesie Armen und Genügsamen nicht gönen, es gänzlich verborgen bleiben möge.
Cassel, am 18ten October 1810.
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Brüder Grimm: Religion und Märchen

Die Brüder Grimm betrachteten Märchen auch unter dem Aspekt der Erinnerung an alten Glauben (germanisch, griechisch-römisch) und alte religiöse Praktiken, verpackt in poetische Geschichten der aktuellen Zeit.
Die Absicht der (Zauber-) Märchen ist es, Herzenskräfte zu wecken, an erster Stelle die Liebe. In den Märchen begegnet die Liebe den dunklen Kräften und dem Tod und überwindet diese.

Von Wilhelm Grimm kann vermutet werden, dass er eine grosse Spiritualität im Sinne des Johannes-Evangeliums pflegte, in welchem die allumfassende Liebe als Gebot und der Gedanke der Präsenz Gottes als Ursprung von Allem (Jesus Christus als Vereinigung von Gott und Welt; Ich und der Vater sind eins. Joh. 10,30) im Vordergrund stehen.

Diesen beiden Aspekten widmete er auch seine Forschungstätigkeit in den antiken und germanischen religiösen Schriften sowie in den mittelalterlichen deutschen Epen.

Diese Vermutungen über Wilhelms Verhältnis zur Religion sind begründbar durch eine Analyse seiner Hervorhebungen und Randnotizen in seiner Bibel und in den relevanten Werken der Literatur. Die dazugehörigen Forschungsresultate verdanken wir vor allem G. Ronald Murphy, S.J., welcher eine Interpretation seiner Arbeiten in seinem Buch „The Owl, the Raven, and the Dove” (2000, Oxford University Press) publizierte.

Märchen oder Autor interpretieren ?

Bei den meisten Märchenbetrachtungen, die ich antreffe, fällt mir auf, dass die Autorinnen und Autoren dazu neigen, einzelne Sätze oder sogar Wörter herauszugreifen und daran ganze Hypothesenkonstrukte aufzuhängen.

Dabei geht oft vergessen, dass die uns vorliegenden schriftlichen Fassungen der Märchen eine Version des Märchenmotivs darstellen. Wenn wie zum Beispiel bei den KHM der Brüder Grimm eine ganze Reihe von aufeinanderfolgenden Ausgaben vorliegen (von der nicht zur Veröffentlichung gedachten Urfassung von 1807/10 bis zur berühmten Ausgabe „letzter Hand” von 1857), sehen wir, wie intensiv die Märchentexte bearbeitet und verändert wurden. Oft wird in den Interpretationen schliesslich nicht das Märchen interpretiert, sondern vielmehr die Intention des letzten Autors. Im Fall der Brüder Grimm sagen die meisten psychologisch orientierten Interpretationen viel über Wilhelm Grimm und seine Zeit und oft wenig über das ursprüngliche Märchenmotiv aus.

Die Märchen werden also durch manche Interpretationen aus ihrem kulturellen und literaturhistorischen Zusammenhang herausgerissen und in einer gewählten Text-Fassung zum für Jahrtausende gültigen Monument gemacht.

Um Mitternacht (Moerike)

Gedicht von Eduard Mörike (1804-1875)
(1867)

(Mörike> )

Um Mitternacht
 
Gelassen stieg die Nacht ans Land,
Lehnt träumend an der Berge Wand,
Ihr Auge sieht die goldne Waage nun
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;
Und kecker rauschen die Quellen hervor,
Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.
 
Das uralt alte Schlummerlied,
Sie achtets nicht, sie ist es müd;
Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,
Der flüchtgen Stunden gleichgeschwungnes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
Es singen die Wasser im Schlafe noch fort
Vom Tage,
Vom Heute gewesenen Tage.

Der Lohn des Märchenerzählers

Wovon lebt der Märchenerzähler ?

Die Volks- und Publikumsmeinung ist eindeutig: Von der Freude am Erzählen!

Und die Motivation jedes/r Märchenerzählenden entspringt sicher der Freude am Erzählen.

Aber von der Freude am Erzählen allein kann man nicht leben. Es bräuchte dann schon ein sehr tiefes Vertrauen in den eigenen schicksalshaften Märchen-Lebensweg, dass einem im richtigen Moment Hilfe, auch finanzielle, zukommt. Weiterlesen

Gesang der Geister über den Wassern (Goethe)

Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
(1779)

(Goethe> )

Gesang der Geister über den Wassern

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muß es,
Ewig wechselnd.

Strömt von der hohen,
Steilen Felswand
Der reine Strahl,
Dann stäubt er lieblich
In Wolkenwellen
Zum glatten Fels,
Und leicht empfangen
Wallt er verschleiernd,
Leisrauschend
Zur Tiefe nieder.

Ragen Klippen
Dem Sturz entgegen,
Schäumt er unmutig
Stufenweise
Zum Abgrund.

Im flachen Bette
Schleicht er das Wiesental hin,
Und in dem glatten See
Weiden ihr Antlitz
Alle Gestirne.

Wind ist der Welle
Lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus
Schäumende Wogen.

Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind!

Hans im Glück 4

Fortsetzung von “Hans im Glück 3” und Abschluss dieser Artikelserie .

Der Hedomat

Eine interessante, auch klar aus der Optik der Jahrtausendwende formulierte Deutung ist diejenige Rolf Wunderers: Hans im Glück als Prototyp eines Hedomaten. Weiterlesen

Hans im Glück 3

Fortsetzung von “Hans im Glück 2”

Heim zu Muttern

Ein interessantes Nebengeleise ist die Frage nach der Bedeutung des Heimgehens zur Mutter, das im Märchen mehrfach erwähnt und schliesslich zum Ziel des Lebenswegs und Happy End des Märchens wird.

“Die Mutter” ist nicht seine leibliche Mutter, sondern die grosse Göttin der vorpatriarchalischen Zeitalter.

Wenn man “materiell” mit “männlich” gleichsetzt, ist das ganze Loslassen des Habens die Befreiung von patriarchalischen Prinzipien.

Für diese Hypothese würde sprechen, dass der Ursprung der meisten Volksmärchen-Motive eben in dieser von Frauen bestimmten Mysterien-Kulturen der matriarchalen Zeitalter liegt. Allerdings bezweifelt der Märchenforscher H.J. Uther, dass es sich beim “Hans im Glück” um ein altes Volksmärchen handelt. Und die Brüder Grimm als Promotoren des Matriarchats kann ich mir auch nicht so recht vorstellen…..

Wenn wir “Mutter” mit “mein Ursprung” oder “meine Quelle” übersetzen, kommen wir zu den im vorgängigen Artikel formulierten Überlegungen, das Hans auf dem Weg zu sich selbst ist.

Fortsetzung folgt