Wortgetreu oder nicht?

Soll man Märchen wörtlich rezitieren beim Erzählen, wenn eine schriftliche Fassung vorliegt ?

An dieser Frage scheiden sich die Geister im deutschen Sprachraum. Es geht natürlich in erster Linie um die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm.

Abgesehen von der Tatsache, dass es mehrere Fassungen der KHM gibt, welche Wilhelm Grimm immer wieder überarbeitete, und es ohne Zweifel auch nach 1856 noch einige weitere Male getan hätte…   

Zum Thema Erzählen habe ich mich schon im Beitrag vom Streit um des Märchenerzählers Bart ausgelassen.

Hier möchte ich aus einem Text des berühmten Fortepiano-Künstlers Andreas Steier zitieren, den er anlässlich eines Konzerts mit Volker Biesenbender im Januar 2008 geschrieben hatte. Titel: „Verzieren und verändern bei Mozart – darf man, soll man, muss man? (Vollständiger Text)

„Mozart hat wiederholt gegen willkürliche Ornamentierung seiner Musik protestiert. Wer dürfte sich auch schon zutrauen, den Schöpfungen des Genies noch etwas Eigenes hinzuzufügen? Steht nicht „Klassik“ für Vollendung, für Genauigkeit der endgültigen Formulierung? Die Frage ist jedoch auf den zweiten Blick komplizierter, als es zunächst den Anschein hat. Der Kontext von Mozarts Äusserungen zeigt eine Musizierpraxis, die wir uns heute kaum noch vorstellen können. Besonders die gefeierten Operndiven schreckten vor nichts zurück. Auch Instrumentalisten betätigten sich gerne als Hobbybastler an der Partitur, nicht selten mit gefährlichen Konsequenzen.

Übertriebene Manipulationen erregten Mozarts Anstoss, soviel wissen wir. Nur folgt daraus nicht, dass unser heutiges ängstliches Beharren auf dem Notentext, dem „Urtext“, seiner Musik den besseren Dienst erweist. Vielleicht fände er unser Spiel öde und langweilig. Was er verteidigte, war nicht die heilige Unantastbarkeit jeder Note, sondern die Integrität seiner Konzeption.

Das musikalische “Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit” stellt uns, gerade was Verzierungen angeht, vor Probleme. Veränderungen finden insbesondere in Wiederholungen statt. Deren Bedeutung aber hat sich grundsätzlich geändert durch die Wiederabrufbarkeit eines Werkes auf Tonträgern.“

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