Nathan der Weise – ein Märchen ?

Gestern abend haben wir im Goetheanum in Dornach das Schauspiel „Nathan der Weise“ genossen. Lessing nannte es ein „dramatisches Gedicht“. In der Tat ist es nicht nur eine Lehrgeschichte, sondern ein spannender Krimi ! (Fotos: Charlotte Fischer www.lottefischer.de)

Nathan der Weise: Recha und Nathan

Nathan der Weise: Recha und Nathan

Der Plot des Stücks ist zumindest im 2.Teil etwas „gesucht“, aber er soll ja auf die wichtige Aussage hinführen, dass alle Menschen Brüder und Schwestern und in erster Linie Menschen, nicht Angehörige eines Volkes, einer Religion, eines Ordens oder sonst einer Ego-Identifikation sind.

Neben dem bekanntesten Teil, der Ringparabel, die Lessing übrigens von Boccaccio übernommen hatte, sind mir eine ganz Reihe noch fast wichtigerer Vers-Passagen aufgefallen. Die vordergründige Ausage des „Geschichtchens“, welches Nathan dem Sultan Saladin erzählt, ist die, dass alle drei abrahamitischen Religionen legitime Nachkommen eines ursprünglichen Gottesverständnisses sind. (Saladin bezeichnet die Ringparabel als „Märchen“, allerdings anfänglich im abschätzigen Sinne; Nathan nennt sie ein „Geschichtchen“, was schon fast als Übersetzung des Begriffs „Märchen“ gelten kann.)

Der Spruch des Richters gipfelt (Vers 2040 ff.) darin, dass es unwichtig sei, wer den echten Ring trägt, sondern dass Gottes (des Vaters) Wille ist:

„Es eifre jeder seiner unbestochnen,
Von Vorurteilen freien Liebe nach !“

Und an der praktizierten Liebe werden die Religionen (die Söhne) gemessen, nicht am Besitz des Ringes !

Besonders gefesselt hat mich neben diesem Geschichtchen inhaltlich auch Nathans Erzählung des Verlustes seiner Familie und der darauf folgenden „Erleuchtung“, so wie er sie dem Klosterbruder anvertraut: Nachdem seine Frau und Kinder von Christen ermordet wurde, trauerte Nathan drei Tage, haderte mit Gott und schwörte den Christen „unversöhnlichen Hass„. Dann kommt die Vernunft (logisch, im Zeitalter der Aufklärung):

„Doch war auch Gottes Ratschluss das ! Wohlan !
Komm ! Übe, was du längst begriffen hast,
……, wenn du nur willst.“
(Vers 3054 ff.)

Kurz darauf wird dem Nathan ein kleines Kind anvertraut: Recha, das Christenmädchen, was er als Zeichen Gottes versteht; denn Nathan hatte zuvor Gott fragend angerufen: „Willst du nur, dass ich will !“

In diesen wenigen Versen kommen gleich drei zentrale Aussagen für mich:

  • Auch die schwersten und unverständlichsten Ereignisse sind eine Manifestation des Göttlichen.
    JINRUI SOKU KAMI NARI sagen die Japaner.
  • Theorie und Praxis: den vorhergehenden Satz kann ich wohl begreifen und auch locker unterschreiben — aber was, wenn es mich dann selber existenziell trifft ….?
  • Ich muss nicht nur verstehen und wissen, ich muss auch tun. Habe ich die nötige Umsetzungskompetenz ?

Nathan sagt zwar zum Derwisch Al-Hafi im Vers 385 „Kein Mensch muss müssen, ….“ Aber der Derwisch antwortet auf die Frage, was er denn müsse:

“ …. Worum man ihn recht bittet, und er für gut erkennt,
das muss ein Derwisch.“

Nathan der Weise: Sultan Saladin und der Tempelritter

Nathan der Weise: Sultan Saladin und der Tempelritter

Würde Lessing heute schreiben, würde er wohl einige Dinge anders formulieren:

  • Der Begriff „Vernunft“ aus dem 18. Jhdt. als Urgrund von Nathans Handeln hiesse im 21. Jhdt. sicher „Liebe“.
  • Die Zentrierung auf die 3 abrahamitischen Religionen wäre heute nicht nur „political incorrect“, sondern angesichts der Weisheit und Essenz indischer und fernöstlicher Religionen und auch der Naturreligionen indianischer oder afrikanischer Kulturen auch sachlich „incorrect“. (In Lessings Stück kommen am Rande „Mohren“ vor, eher im despektierlichen Tone erwähnt, ohne dass sie am Ende in die allgemeine Brüderlichkeit formell aufgenommen würden. Aber das sei Lessing verziehen, viele Menschen haben das heute noch nicht erkannt.)

Die meisten Figuren in diesem Stück haben sich auch mit der Frage der Rolle im Äusseren, oft sehr Ego-verhaftet, zu befassen. Sie kommen an die Grenze, wo sie ihr wahres Menschsein entdecken, entdecken, dass sie primär Mensch sind und nicht Rollenträger (gut sichtbar z.B. beim Derwisch oder beim Tempelritter, thematisch stark auch beim Klosterbruder). Den Akt der „Befreiung“ von den Zwängen der Rolle und des Egos symbolisiert der Regisseur Torsten Blanke mit demonstrativem Entledigen von Kleidungsstücken.

Zur Aufführung:

Wunderschön inszeniert von Torsten Blanke, mit einfachem, stimmigem Bühnenbild, praktisch ohne Requisiten, nur das Wort, die Aussage steht im Zentrum des Schauspiels.

Einzelne Schauspieler, vor allem die impulsive Daja und der Tempelherr sprechen für baselbieter Ohren oft zu schnell (es kann auch an der Akustik des Grundsteinsaals liegen) – aber das ganze ein empfehlenswerter, lehrreicher Genuss.

Eine spezielle Idee des Regisseurs: der tote Bruder von Saladin und Sittah bzw. Vater von Recha und dem Tempelritter geistert in den Schlüsselszenen herum und hilft den Protagonisten die richtigen Wendungen in ihrem Denken zu vollziehen.

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