Kallisto und Jupiter

Am 4. September (Märchenhafte Welt der Gestirne) wird der Planet Jupiter in unmittelbarer Nähe des Vollmondes stehen. Die Jupitermonde sind grösstenteils nicht sichtbar. Aber die Geschichte der Jupitermondin „Kallisto“ soll dennoch erzählt werden.

Kallisto war ein schönes Mädchen aus noblem Hause auf dem Peloponnes. Ihr Interesse galt nicht modischen Kleidern und Frisuren. Ein einfacher Riemen hielt ihr Kleid und ein weisses Band ihre schwarzen Locken zusammen. Sie liebte die Natur, die Wälder Arkadiens und die Jagd. Deshalb schloss sie sich dem Zug der Diana an, welche in Griechenland Artemis genannt wurde. Sie hatte beim Bogen der Diana geschworen, zu Ehren ihrer Göttin Jungfrau zu bleiben. Bald wurde sie das Lieblingsmädchen der Göttin und die Anführerin des Zugs.

Eines Tages hatte sie sich auf der Jagd von ihren Gefährtinnen entfernt. Erschöpft gelangte sie auf eine verborgene Waldlichtung, legte Bogen und Pfeilköcher ab, um etwas zu ruhen. Den bunt bemalten Köcher benutzte sie als Kopfkissen. So wurde sie von Jupiter entdeckt, müde und ungeschützt.

„Diesen Streich wird meine Gattin Juno Saturnia nicht entdecken“, dachte Jupiter bei sich. „Und wenn sie es merken sollte, ist mir ihr Schimpfen den Preis wert.“ Jupiter nahm die Gestalt, Gesicht und Kleidung der Diana an, um sich dem scheuen Mädchen zu nähern. „Meine Liebe“, sagte er, „du beste meines Zugs, über welche Höhen bist Du auf der Jagd gezogen?“

Schnell richtete sich die junge Frau Kallisto auf: „Sei gegrüsst, meine Königin, die Du selbst Jupiter übertriffst, mag er es hören oder nicht.“

Jupiter in der Gestalt der Diana hörte ihre Worte und lächelte. Er freute sich, dass sie ihn ihm selbst vorzog. Jupiter küsste Kallisto heftig auf die Lippen, nahm sie in die Arme und schon war sie durch seine Freveltat missbraucht. Kallisto kämpfte mit aller Kraft. Wenn das Juno gesehen hätte, wäre sie vielleicht später nachsichtiger mit der jungen Frau gewesen. Kallisto wehrte sich also, aber wer vermag schon Jupiter zu widerstehen!

Als Sieger kehrte Jupiter in den Himmel und liess eine verzweifelte junge Frau im Wald zurück. Es ekelte ihr vor der schönen Lichtung, vor den vertrauten Wäldern. Und als sie wieder losging, vergass sie beinahe ihre Bogen und Pfeilköcher.

Da kam auch schon Diana mit ihrem Zug über den Hügel und rief Kallisto zu sich. Kallisto dacht zuerst, dass es immer noch Zeus wäre und wollte davon. Aber schliesslich erkannte sie, dass es diesmal keine Falle mehr wäre, und schloss sich dem Zug der Diana wieder an.

Aber sie schämte sich und wollte nicht mehr neben Diana an der Spitze des Zuges gehen. Schweigsam, mit gerötetem Gesicht und gesenktem Blick folgte sie ihrer Göttin.

Neunmal hatte sich der Vollmond schon gerundet, als eines Nachmittags Dianas Zug, erhitzt und müde von der Jagd in ein schattiges Wäldchen kam, durch welches ein Flüsschen murmelte. Entzückt von der Schönheit des Ortes tauchte die Göttin ihren Fuss ins Wasser ¬¬– und war noch mehr entzückt. „Niemand wird uns hier entdecken.“, rief die Göttin, „lasst uns die Kleider ausziehen und baden!“

Alle legten begeistert und fröhlich ihre Kleider ab, alle bis auf eine, die erschrocken zögerte. Da kamen die anderen, zogen ihr das Kleid aus – und entblössten ihr Geheimnis. Kallisto versuchte mit den Händen ihre Rundung zu verstecken. Aber es war zu spät.

„Hinweg mit dir!“, rief Diana, „Du sollst nicht unser Bad beschmutzen.“ Und sie befahl Kallisto, ihren Zug zu verlassen.

Juno, die Gemahlin Jupiters, wusste die Wahrheit schon lange und hatte auf eine günstige Gelegenheit der Rache gewartet. Und jetzt war die Zeit gekommen. Ihre Rivalin hatte einen kleinen Knaben geboren, der lebende Beweis. Juno packte die einsame junge Mutter an den Haaren und warf sie zu Boden. Schützend erhob diese ihre Arme über sich. Da begann auf ihren Armen ein Fell zu wachsen. Ihre Hände wurden zu Tatzen, ihre Fingernägel zu Klauen, ihr schönes Antlitz zu einem Tiergesicht. Und die Lippen, welche Jupiter geküsst hatte, zu Kiefern eines wilden Tieres. Kallisto war in eine Bärin verwandelt worden. Nicht einmal ihre Stimme hatte ihr Juno gelassen: Anstelle einer bittenden Klage kam nur ein dumpfes Brummen aus ihrer Kehle.

Ihren Sohn Arcas hatte sie verloren. Einsam streunte sie durch die Wälder und Höhen. Wenn sie die Jagdhunde hörte, flüchtete sie. Sie die vorher selbst Jägerin gewesen war, fürchtete die Jagd. Sie versteckt sich selbst vor den anderen wilden Tieren.

Die Jahre waren vergangen. Arcas war 16 Jahre alt geworden. Seine Mutter war verloren, ihm unbekannt samt ihrem Schicksal.

Eines Tages als Arcas im Wald jagte und sein Fangnetz auslegte, begegnete er der Bärin. Sie erkannte ihn und fixierte ihn mit ihrem Blick. Dem Jüngling graute es aber vor diesem seltsamenTierblick, und er nahm seinen Wurfspeer, um das bedrohliche Tier zu töten.

Jupiter hatte die Begegnung beobachtet und fiel dem Jüngling in den Arm. Mit einem kräftigen Schwung entführte er die beiden an den Himmel als benachbarte Sternbilder: die grosse Bärin und der Bärenhüter.

Juno allerdings erzürnte sehr, als sie ihre Rivalin und deren Sohn am Zenith des Himmels für alle sichtbar entdeckte. Sie stieg ins Meer hinunter, um sich bei Thetys, der Hüterin der Sternbilder zu beklagen. Thetys, die einst die Kinderfrau für Juno gewesen war, zeigte Verständnis für deren Bitterkeit und machte einige Sterne der beiden Sternbilder so schwach, dass die Gestalt der beiden heute kaum zu erkennen ist.

Viele Jahrhunderte später entdeckten Astronomen die Monde, oder besser Mondinnen, des Jupiter und nannten den Äussersten der grossen Monde „Kallisto“.


Quelle für meine Nacherzählung der Sage: Hauptsächlich der gute alte Ovid.

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