Der Traum des Prinzen

Illustration zu DER PRINZ UND DER BETTELKNABE von Mark Twain (1835-1910)


Ein Märchen aus Griechenland.



Märchentyp ATU 725.
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Märchen gefunden in: von Hahn, J.G., 1918, „Griechische und Albanesische Märchen“, Verlag Georg Müller


Es war einmal ein König, der hatte drei Kinder, und eines Abends sprach er zu ihnen: „Hört, heute nacht wollen wir aufmerken auf das, was wir im Traume sehen.“

Am anderen Morgen fragte er zuerst den Ältesten: „Was hast du geträumt?“ und dieser erwiderte: „Mir träumte, dass ich die Tochter des und des Königs zur Frau nehmen würde.“ Und der zweite Sohn gab dieselbe Antwort. Darauf fragte der König den Jüngsten, was denn er geträumt habe. Der aber antwortete: „Ich sage es nicht, denn ich fürchte, dass du mich hinrichten lässt, wenn du es erfährst.

Als der König das hörte, wurde er erst recht neugierig und sprach: „Ei, warum denn, hast du etwa schuld an dem, was du träumst?“ und setzte ihm so lange zu, bis dieser erzählte. Der Jüngste hatte nämlich geträumt, dass sein Vater von dem Throne gestiegen sei, und er sich darauf gesetzt habe. Der König aber wurde darüber sehr zornig und rief: „Weh dem Bösewicht, der mich vom Throne stossen will“. Und er übergab den Prinzen seinem Scharfrichter mit dem Befehl, ihn in den Wald zu führen und dort hinzurichten, und zum Beweis ihm den kleinen Finger und eine Schale seines Blutes zu bringen, das er trinken wolle.

Der Scharfrichter führte also den Prinzen in den Wald. Als er ihn aber schlachten wollte, da bat dieser für sein Leben. Doch der Scharfrichter antwortete:“ Ich kann nicht anders, denn ich soll ja dem König dein Blut bringen.“ Darauf sagte der Prinz: „Schneide mir den kleinen Finger ab und schlachte eine Taube und bringe deren Blut dem König.“ Der Scharfrichter tat, wie der Prinz verlangte, und brachte die Schale mit dem Taubenblut dem König. Der trank sie aus, und so kam der Prinz mit dem Leben davon.

Darauf machte sich der Prinz auf und lief in die Welt hinein. Der Zufall führte ihn zu einem Marmorfelsen, in dessen Innerem ein Palast mit vierzig Stuben war. Darin wohnte ein Drakos, und als er den Prinzen sah, gefiel er ihm so sehr, dass er sprach: „Du musst bei mir bleiben, ich will dich an Kindes statt annehmen.“

Der Prinz blieb also bei dem Drakos, und der gab ihm die Schlüssel zu den neununddreissig Stuben. Aber den zu der vierzigsten wollte er ihm nicht geben, so oft ihn auch der Prinz darum bat.

Eines Tages liess der Drakos einen fahren, während ihn der Prinz lauste, und dieser rief: „Warum furzest du mich an?“ Der Drakos versetzte: „Da du mein Sohn bist, so darf ich dich wohl anfurzen.“ Der Prinz ab er nahm das übel und er passte auf, bis der Drakos eingeschlafen war, entwand ihm den Schlüssel zur vierzigsten Stube und schloss sie auf. Darin fand er ein goldenes Ross und einen goldenen Hund. Vor dem Ross lagen Knochen, vor dem Hunde aber Heu. Da warf der Prinz das Heu dem Rosse und die Knochen dem Hund vor. Da sagten die Tiere: „Wie sollten wir dir den Dienst vergelten, den du uns geleistet hast?“ Der Prinz antwortete: „Wir wollen miteinander fort von hier.“ „So mache uns los!“ versetzten sie. Da machte er sie los. Darauf sprach das Ross: „Du musst eine Hand voll Salz, einen Spiegel und einen Kamm mit auf den Weg nehmen.“ Und als der Prinz die drei Sachen geholt hatte, sprang er auf das Ross, und der Hund lief neben ihm her.

Wie nun der Drakos aufwachte, rief er nach dem Prinzen, und als dieser nicht kam, suchte er ihn und fand dabei, dass die Tür der vierzigsten Stube offen stand und auch das Ross und der Hund fort waren.

Da machte der Drakos sich auf und lief was er konnte, um sie einzuholen. Als ihn der Prinz von weitem erblickte, rief er:“ Der Drakos kommt uns nach!“ Da Ross hiess ihn,den Kamm hinter sich zu werfen. Aus diesem wuchs eine unabsehbare Ebene, welche den Drakos und die Fliehenden trennte.

Er verlor aber den Mut nicht und rannte durch die Ebene, so schnell er konnte. Und als ihn der Prinz wieder näher kommen sah, rief er wieder:“ Der Drakos kommt!“ Das Ross hiess ihn, den Spiegel hinter sich zuwerfen. Aus dem entstand eine unabsehbare Eisfläche. Und der Drakos wurde wieder um ein grosses Stück von den Fliehenden entfernt.

Aber vermöge seiner grossen Schnelligkeit holte er sie auch diesmal wieder ein. Und als ihn der Prinz hinter sich erblickte, rief er wieder:“ Der Drakos kommt!“ Da hiess ihn das Ross, das Salz hinter sich zuwerfen. Daraus ward ein ungeheures Meer.

Als der Drakos an dasselbe kam, sprang er hinein und wollte durchwaten, aber es ging bald bis an den Hals und er konnte nicht weiter. Da rief er dem Prinzen zu: „Höre, mein Sohn, wenn du mir auch entlaufen bist, so behalte ich dich doch so lieb, wie wenn du mein Sohn wärst, achte also auf meinen Rat: Auf deinem Wege wirst du einem alten Mann, einem alten Pferd und einem alten Hund begegnen. Diesen ziehe die Haut ab und stecke dich in die Haut des alten Mannes, dein Ross in die des alten Pferdes und deinen Hund in die des alten Hundes.“

Als nun der Prinz eine Weile gezogen war, fand er wirklich einen alten Mann, der sass auf einem alten Pferde und hatte einen alten Hund bei sich. Und nach dem Rat des Drako zog er ihnen die Haut ab und steckte sich, das Ross und den Hund hinein.

Unterdessen hatte der Vater des Prinzen, der König, einen ungeheuren Graben machen und in der ganzen Welt verkünden lassen, dass, wenn einer über den Graben spränge, so würde er von seinem Throne aufstehen und jenen darauf setzen. Wenn er aber nicht darüber käme, so solle er den Kopf verlieren. Viele hatten das Wagestück versucht, aber alle waren zu kurz gesprungen und daher hingerichtet worden, und zuletzt blieb nur noch der Prinz übrig.

Da meldeten die Diener dem König, dass nur noch ein alter Mann mit einem alten Pferd und einem alten Hund übrig sei und fragten, ob der es auch versuchen dürfe. Und als der König die Erlaubnis dazu gegeben, da sprach das Ross zum Prinzen: „Gürte mich mit zwölf Gurten und gürte auch dich selbst mit zwölf Gürteln.“ Wie das geschehen war, tat es einen Sprung und kam glücklich über den Graben.

Darauf meldeten die Diener dem König, dass der alte Mann über den Graben gesprungen sei. Und der König antwortete: „So führt ihn her, denn wenn er darüber gesprungen ist, so soll er auch auf den Thron steigen.“

Unterdessen hatte ab er der Prinz die Häute von sich, dem Ross und dem Hund abgerissen und strahlte nun in vollem Glanze. Als er vor dem König erschien, da staunte dieser über seine Schönheit und wunderte sich, dass man ihn einen alten Mann genannt habe. Doch der König stieg ohne weiteres vom Throne und setzt den Prinzen darauf. Und als dieser auf dem Throne sass, sprach er: „Vater, ich bin dein Sohn, erinnerst du dich nicht, dass ich einmal geträumt hatte, dass du vom Thron aufstehen und mich darauf setzen würdest? Siehst du, das hat sich nun erfüllt, und betrachte auch meine Hand, an der der kleine Finger fehlt.“ Als der König das hörte, traf ihn der Schlag und er fiel tot zur Erde.

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