Die Gänsehirtin am Brunnen

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen, KHM 179. Text »».

Eine assoziierende, nicht abschliessende Betrachtung der Figuren und ihrer Wege. Das Meiste entstanden im Gespräch mit meiner Ehepartnerin. Gedanken zur Form des Märchens »».

Eigentlich treffen wir zwei Märchen-Helden an, deren Wege sich zuerst nur kreuzen, um sich dann am Ende zu vereinen. Bei beiden Begegnungen vor dem glücklichen Ende spielt das Unerkanntsein eine grosse Rolle: beim ersten Mal darf die Königstochter nicht erkannt werden (sie weise Alte schickt sie ins Haus), beim zweiten Mal befindet sich der Graf im Versteckten.

Detaillierter herausgearbeitet ist der Weg der Königstochter; sie ist wohl die Hauptheldin.


Sie wird eingeführt in der Erzählung ihrer Mutter, der Königin. Übrigens ist so eine indirekte, rückblickende Handlungsbeschreibung ein sehr ungewöhnliches stilistisches Mittel in den Grimm-Märchen.

Die Königstochter wird uns da als vollkommenes Wesen geschildert:

  • sie ist schön wie ein Engel;
  • ihr innerer Reichtum ist so gross, dass sie Perlentränen weint, die mehr wert sind als das Königreich ihres Vaters;
  • ihre Liebe zum Vater ist bedingungslos und unsagbar gross.

Aber: Ihr Vater verlangt einen Liebesbeweis von ihr. Und er ist nicht zufrieden. Es kommt zur Trennung, zur notwendigen Trennnung, dass ihre Entwicklung weitergehen kann. Sie muss sich auf den Weg machen, mit einem Sack voll Salz auf dem Rücken.

Gänsehirtin am Brunnen: Graf ruht vor dem Haus der Alten.Bild rechts: alte Postkarte mit dem sich ausruhenden Grafen vor dem Haus der Alten
(gefunden in „
Sylvia’s Puppenhaus„)

Was hat sie denn noch zu lernen und zu integrieren ? 

  • Die unendliche Weisheit, repräsentiert durch das geheimnisvolle alte Mütterchen, in sich selbst finden ?
  • Als Person das Dienen und die geduldige Demut lernen ? Loslassen inklusive !
  • Ihre Entwicklung zur erwachsenen Frau abschliessen, obgleich sie mit 15 Jahren damals natürlich schon im besten Heiratsalter ist ?
  • Männer gab es in ihrem Leben bisher noch nicht als Partner, ihr Vater gibt ihr da kein positives Männerbild mit.
  • Ihre männliche Seite harrt, subjektstufig gesehen, noch der Entdeckung.

Auch praktisch vollkommene Seelen finden offenbar immer noch etwas Neues zu lernen !

Muss sie sich mit den drei klassischen weiblichen Aspekten auseinandersetzen, diese zusammenbringen ? Die weisse Jungfrau ist sie ja schon, allerdings auf dem Sprung zur roten (erotisch aktiven und fruchtbaren) Frau. Und als Gänsehirtin mit alter Haut und grauem Zopf nimmt sie gewissermassen schon die Erfahrungen der schwarzen weiblichen Aspekte vorweg ? (Das ist wohl eher eine Spekulation von mir als eine belegbare Interpretation.)

Sie hütet bei der weisen Alten als ältliche und hässliche Jumpfer („Trulle“) die Gänse. Gänse sind in vielen Kulturen Krafttiere, Symbole der Wachsamkeit, andere Assoziationen zu Gänsen sind „Pilgerreise“ und „Kommunikation“.

Am Brunnen erlebt sie, dass sie das nicht sein kann, was sie ist. Das ist ein tiefer Schmerz, der Tränen hervorbringt. Am Brunnen darf sie in der Nacht ihre zweite Haut abziehen, sich selber sein, sich reinigen, sich mit den Seelenkräften der Nacht und des Wassers verbinden. Und dabei muss sie auch einmal von einem Manne entdeckt werden !

Ihre Angst vor dem nächsten Schritt zur erwachsenen heiratsbereiten Frau ist gross. Sie flieht in Panik und Schrecken nach Hause. Sie will ihre Schutzhaut nicht öffentlich ablegen, sie will nicht sein, was sie ist. Aber die allwissende Alte weiss, dass der richtige Zeitpunkt jetzt da ist für das Ausziehen der alten Haut, die Aussöhnung mit der Herkunft und die Verbindung mit dem Männlichen — für die Vervollkommnung im Akzeptieren der eigenen Vollkommenheit.

Happy end für die Königstochter !

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