Märchen entstehen

Die Geschichte der Märchen

Die Entstehungszeit der Märchen liegt mindestens 2500 Jahre zurück (Überblick Kulturgeschichte »). Für einzelne Märchenmotive …

finden die Forscher Hinweise in den Kulturen des alten Ägypten und den jungsteinzeitlichen Kulturen. Allerdings liegen natürlich nur sehr spärlich schriftliche Quellen vor. Falls alle Märchen in den verschiedenen Kulturen gemeinsame Wurzeln haben, müssten diese Wurzeln nach M.L. von Franz 25’000 Jahre alt sein, bzw. in das sog. atlantische Zeitalter (wegen Rassismus-Vorwürfen umstrittener anthroposophische Kulturzeit-Begriff) zurückgehen. Die vergleichende Märchenforschung vermutet immer wieder Indien als eine „Brutstätte“ vieler bei uns bekannter Märchenmotive, was angesichts der indogermanischen Völkerwanderungen plausibel erscheint.

Felsmalerei im Akakus-Gebirge (Libyen), Aufnahme Jürgen Schmidt

Felsmalerei im Akakus-Gebirge (Libyen), 6000-8000 Jahre alt, Fotografie Jürgen Schmidt

Eine (von mir favorisierte) Entstehungshypothese:
Märchen enthalten „Geheimwissen“, das „im Klartext“ ursprünglich den Mysterienpriester(inne)n, Schamanen usw. vorbehalten war, aber in der Form des Märchens an das Volk weitergegeben und mit der Zeit zur mündlichen Tradition wurde.

Unsere Kenntnis der Entstehung der Märchen ist stark gekoppelt an die Verfügbarkeit schriftlicher Quellen, welche bis ins europäische Mittelalter von geringer Zahl sind. Im Altertum waren bei den Griechen und Römern Märchen beliebt, oft verbunden mit mythischen Geschichten und Fabeln. Bis ins Mittelalter haben wir bei uns vor allem von Sagen und Schwänken Kenntnis.

Es scheint, dass die alten Märchenmotive im ausgehenden Mittelalter in Europa eine starke Umgestltung erlebten, indem christliche Elemente hineinverwoben wurden oder stärker auch Bilder aus der Zeit verwendet wurden. Viele klassische Märchenerzählungen dürften demnach 600-700 Jahre alt sein.

Mit der Einführung der Buchdrucker-Handwerks zu Beginn der Neuzeit wird plötzlich sichtbar, dass der europäische Märchenschatz schon ungeheuer reich sein muss. In Italien, Frankreich und  in Deutschland erscheinen die ersten Märchensammlungen in Buchform (Straparola 1550 , Montanus 1560 , Basile 1634 , Perrault 1697 , Musäus 1782 , d’Aulnoy 1785). 1812 erscheint die erste gedruckte Ausgabe der „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm.

Auch der Blick über die Genzen, welcher durch die enge Verzahnung der arabischen, mediterranen und europäischen Kulturräume leicht war, setzte schon früh ein. Galland übersetzte um 1700 arabische Märchensammlungen ins Französische, bald bekannt als „Märchen aus 1001 Nacht„.

Die über Jahrtausende (oder zumindest über Jahrhunderte) erfolgte mündliche Überlieferung erzeugt ein reiches Spektrum von Variationen eines Märchenthemas. Märchenthemen wurden so „eingekleidet“ in den kulturellen Zusammenhang der Erzählenden. Die Erzählenden variierten nicht nur die ursprünglichen Motive sondern begannen auch Motive miteinander zu verknüpfen und so laufend neue Märchentypen zu schaffen.

Die Herausgeber der Märchensammlungen waren in der Regel eben nicht einfach Sammler, sondern auch Dichter oder zumindest Bearbeiter, auch wenn die Volksmeinung oder sie selber behaupten, „authentische“ Märchen publiziert zu haben. 

Die vergleichende Märchenforschung kann die Märchen nach gewissen Grundstrukturen und Themen ordnen. Die „gültige“ Typologie ist diejenige von Antti Aarne und Stith Thompson , heute gepflegt von Hansjörg Uther

Mitteleuropa: Bis Ende des 18. Jhdts. wurden Märchen vorwiegend mündlich tradiert, als Zeitvertreib und als Form der geistigen Betätigung („Philosophieren“) des Volkes, teils durch professionelle Erzählende, teils einfach innerhalb der Familie oder der Dorfgemeinschaft. Brüder Grimm Je nach kulturellem Umfeld war der Ausschmückungsgrad der Märchen sehr verschieden, so dass gewisse Märchen wie Konzentrate, andere zum selben Motiv wie Epen wirken. Im 19. Jhdt. übernehmen „die Gebildeten“ die Märchen. Es beginnt die Zeit der Literaturwissenschaften aber auch der Suche nach der ursprünglichen Weisheit. In diesem Spannungsfeld wirkten die Brüder Grimm, die zwar nach grosser Authentizität der gesammelten Märchen strebten, um diese dann sogleich intensiv literarisch zu bearbeiten, so dass wir heute die ursprünglichen Motive und Bilder in den „Kinder- und Hausmärchen“ wie Archäologen ausgraben müssen. Wilhelm Grimms grossartige schriftstellerische Kunstfertigkeit schuf schliesslich aus den Volksmärchen im wörtlichen Sinne Kunstwerke.

Das 19. Jhdt. wurde dann auch zur ersten Blütezeit der „erfundenen“ Kunstmärchen. Praktisch jeder bekannte Poet der Romantik verfasste Kunstmärchen. Heute erlebt das Schaffen von Kunstmärchen zu aktuellen Themen der Menschheit eine Renaissence.

Freuen wir uns am „Märchenboom“, der seit rund 20 Jahren ausgebrochen ist und dem Erzählen, Illustrieren und medialen Umsetzen von Märchen eine vielleicht so nicht erwarteten Auschwung brachte.

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