Die zwölf Jäger – eine kleine Betrachtung

 

Die zwölf Jäger

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Brüder Grimm KHM 76 (ursprünglicher Titel: Der König mit dem Löwen)

Märchentyp: ATU 884 (Frau in Männerkleidern) und ATU 313 (Magische, aber nicht unbedingt zaubernde/hexende Flucht/Suche/Verführung – Das Mädchen als Helferin)


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Einige Gedanken zum Märchen
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Auf der äusseren Ebene haben wir hier ein Genderthema, männliches-weibliches äusserliches Verhalten (inkl. Kleidung als „Persona“-Symbol), in einer Biedermeier-Typisierung der Frauen- und Männerrollen. Heute empfinden wir das fast als Karikatur. Aber ein kleiner Ausflug in die Stadt, besonders am Abend in ein von Jungen frequentiertes Quartier (in Basel die Achse Steinen-Barfi-Gerbergasse), zeigt uns rasch die Aktualität der im Märchen geschilderten Geschlechter-Stereotypen.

Eine Ebene tiefer betrachtet: der Mann gehorcht seinem Vater (Chef, Über-Ich), die Frau gehorcht ihrem Herzen (und zieht daraus grosse Kräfte).

Die 12 Jäger und die Spinnrädchen (Illustration von Friedrich Holbein)

Die 12 Jäger und die Spinnrädchen (Illustration von Friedrich Holbein)

Ein sehr zeitgemässe Situation: der Königssohn muss für seine Karriere sein Privatleben opfern. Die (bereitwillig akzeptierten) Befehle seines Chefs spalten einerseits seine Gefühle ab und verdecken anderseits die Erinnerung an seine ursprünglichen Ziele. Erst ein „Unglück“, das seine Empathie weckt, lässt die Erinnerung wieder aufkommen. Jetzt vermag er eigenständig zu handeln.

Jäger verfolgen ein Vorhaben sehr zielgerichtet. Sie agieren aber noch eher auf der physischen Ebene; es ist ein blutiges Handwerk (vgl. „Die Nixe im Teich“). Die Prinzessin sucht (zumindest was das Symbol „Jäger“ aussagt) ihr Begehren nach dem Geliebten zu erfüllen, zielgerichtet und männlich-kompromisslos. Jäger können auch leichtsinnig handeln. Ohne Hilfe des Dieners könnte die Prinzessin über ihre Weiblichkeit „stolpern“.

Zu zwölft bilden die Mädchen eine stabile („vollkommene“) Gemeinschaft, sie sind zugleich seelische Stütze und Tarnung der Prinzessin, welche dann die Proben bestehen kann, allerdings nicht ohne Hilfe eines „Verräters“ aus der Umgebung des Königs.

Noch eine Ebene tiefer betrachtet:

Der Löwe kann Energie, Tatkraft und Aggressivität aus der Triebwelt sein, er ist hier mächtig und weise – aber man muss ihm vertrauen auch wenn’s nicht auf Anhieb klappt. Der Löwe ist aber auch ein Symboltier für Gefühle (vgl. das Familienleben von „wilden“ Löwen). Der König muss also Vertrauen in seine Gefühle fassen lernen, seine triebhaften Seiten akzeptieren. Der junge König verfügt erst nach der Verbindung mit seinen Herzenskräften (Empathie mit dem verunglückten Jäger und Erinnerung an seine ursprüngliche Liebe) über die Löwenkräfte.

Der König mit dem Löwen (Illustration von Henry Justice Ford)

Der König mit dem Löwen (Illustration von Henry Justice Ford)

Parallel dazu vermag er die weiblichen Seiten zu integrieren undwird ein selbstbestimmter Mensch. Die Prinzessin bringt für den jungen König neben ihrer Weiblichkeit die nötige Zielgerichtetheit „in die Ehe“.

Auch wenn wir der raschen und glücklichen „Ganzwerdung“ des Mannes noch nicht ganz trauen, im Märchen braucht es keine Nachhaltigkeits-Deklaration. Wenn „Rückfälle“ in alte Muster das Thema wären, würde dies auch in der Geschichte dargestellt.

Ergänzende Gedanken von Sabine Lutkat, der Präsidentin der Europäischen Märchengesellschaft (EMG):

(Quelle: ein Newsletter der EMG 2015) …..

Wesentliche und wichtige Motive dieses Märchens sind die vergessene Braut und die Geschlechtsproben.

Wichtig ist auch das Versprechen, das der sterbende Vater seinem Sohn abnimmt und mit dem er – über seinen Tod hinaus – Macht über die Zukunft seines Sohnes bekommt. ….. Zuhörer/innen reagieren hier im Gespräch sehr häufig mit Empörung darüber, dass solche Versprechen abverlangt werden. Und es besteht so gut wie Konsens darüber, dass solche Versprechen nicht unbedingt einzuhalten sind, da sie das eigene Leben mehr beschädigen als ihm nützen. Es zeigt aber auch, in welche Zwickmühlen man durch solche abgerungenen Versprechen kommen kann.

Diskussionspunkt in Seminaren (von Sabine Lutkat) ist auch immer wieder das Nicht-Erkennen.


 Zusammenfassung (nach Ausgabe letzter Hand 1857):

Ein Königssohn gibt seiner Braut einen Ring zum Andenken, als er zu seinem sterbenden Vater reiten muss. Der nimmt ihm das Versprechen ab, eine andere zu heiraten. Die erste Braut lässt sich von ihrem Vater elf Jungfrauen zur Seite stellen, die ihr völlig gleichen, und reitet mit ihnen in Jägerkleidern zu ihrem Geliebten. Er nimmt sie in Dienst, weil sie ihm gefallen. Sein weiser Löwe durchschaut die Verkleidung und lässt ihn zum Beweis einmal Erbsen ins Vorzimmer ausstreuen und einmal zwölf Spinnräder aufstellen. Aber ein Diener verrät es der Braut, und sie weist die Mädchen an, fest auf die Erbsen zu treten und die Spinnräder nicht anzusehen, so dass der König dem Löwen nicht mehr glaubt. Als sie zusammen jagen und es heisst, die (neue) Braut des Königs käme, fällt die erste Braut ohnmächtig vom Pferd. Der König will helfen, zieht ihr den Handschuh aus, sieht den Ring, erkennt sie, küsst sie und verspricht ihr Treue: „Du bist mein und ich bin dein, und kein Mensch auf der Welt kann das ändern.“ Der anderen Braut lässt er ausrichten, er habe schon eine Gemahlin, und wer einen alten Schlüssel wiedergefunden habe, brauche den neuen nicht…..

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