Kategorie-Archiv: Märchen und mehr …

Betrachtungen zum Märchen vom Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein, KHM 130

Die Herkunft des Märchens und dessen HauptmotivenBuch-Cover

Die Brüder Grimm haben das Märchen aus einem Text von Th. Pescheck in Büschings Wöchentlichen Nachrichten 2, 17–26 (1816) übernommen. Geografische Herkunft: Oberlausitz. Vergleicht man die KHM-Ausgaben von 1819 und 1857 stellt man fest, dass Wilhelm Grimm an diesem Text praktisch keine weiteren Veränderungen vorgenommen hat. Aufgefallen ist mir nur, dass die Mutter in der Erstausgabe „zornig“ und in der Ausgabe letzter Hand „neidisch“ war, als sie die Ziege schlachtete.

Eine ausführliche Abhandlung über diesen Märchentyp AT 511 findet sich in Derungs‘ Märchenlexikon.

Die folgende Betrachtung entstand in einem Märchenkreis gemeinsam mit acht Erzählkolleginnen. Ich nenne es bewusst „Betrachtung“: Das Märchen wurde zuerst erzählt und darauf entspann sich ein lebhafter Gedankenaustausch über die Assoziationen und Fragen, die dieses zu Unrecht eher verkannte Märchen auslöst. Eine systematische Interpretation strebten wir nicht an. Hinweis: Meine Rezeption der anthroposophischen Sichtweise dieses Märchens ist in einem separaten Artikel veröffentlicht. Weiterlesen

Herkunft der Märchen

Gemeinsam allen Märchen sind die Überreste eines in die älteste Zeit hinaufreichenden Glaubens, der sich in bildlicher Auffassung übersinnlicher Dinge ausspricht.

Dies Mythische gleicht kleinen Stückchen eines zersprungenen Edelsteins, die auf dem von Gras und Blumen überwachsenen Boden zerstreut liegen und nur von dem schärfer blickenden Auge entdeckt werden.

Wilhelm Grimm 1856, Anmerkungen zu den KHM, S. 409

Einäuglein, Dreiäuglein und Zweiäuglein aus anthroposophischer Sicht

Quellen:

  • Steiner, Rudolf (1907), Mythen und Sagen.
  • Lenz, Friedel (1984), Die Bildsprache der Märchen.

Die folgenden Überlegungen beziehen sich meiner Ansicht nach sinngemäss immer sowohl auf die Entwicklungsgeschichte der Menschheit wie auch auf die individuelle Entwicklung eines Menschen. Die Formulierungen geben mein Verständnis für die Ausführungen Steiners und Lenz‘ wieder und sind nicht wörtliche Zitate.

Der germanische Mythos berichtet vom Verlust des Einauges: Weiterlesen

Rumpelstilzchen-Effekte

Rumpelstilzchen-Illustration von Walter Crane (1886)

Illustration 1886 von Walter Crane (1845-1915) 

Der Rumpelstilzchen-Effekt

Sobald ich das Bedrohliche benennen kann (seinen Namen weiss), hat es seine Macht verloren und verschwindet sogar von selbst.

Illustration von Anne AndersonDahinter steckt die Wortmagie, die Überzeugung, dass ich Macht über etwas gewinne, dessen Name ich kenne. Das Sprachtabu soll dagegen gerade verhindern, dass ich einen Namen ausspreche, dessen blosse Nennung mich mit Möglichkeiten konfrontiert (z.B. in der Gestalt eines Gottes oder Dämons), die mir nicht zustehen.

Dieses psychologische Phänomen macht sich die Psychotherapie bewusst zu Nutze, um z.B. aus einer Blockade mit diffusen Ängsten heraus zu kommen. Aber auch in der somatische Medizin ist der Rumpelstilzchen-Effekt vielfach beschrieben als eine Form des Placebo-Effekts. Mich persönlich rettet z.B. die konkrete Auflistung (Benennung) der wichtigen Termine und Aufgaben davor, eine Pendenzen-Panik zu entwickeln.

 

Illustrationen von Anne Anderson (1874-1930)

 

Der umgekehrte Rumpelstilzchen-Effekt

Sobald ein Phänomen einen Namen bekommen hat, wird es zum allgemeinen Gesprächsgegenstand.

Müllerstochter und Rumpelstilzchen Anne AndersonIn der Regel werden auf diese Weise komplexe oder nur diffus wahrnehmbare Phänomene plötzlich zur scheinbar klaren Sache.

Beispiele dafür wären Begriffe wie „ADHS“, „Wissensmanagement“ u.v.a.

Damit soll nicht gesagt werden, dass es die komplexen Phänomene nicht gibt. Ich möchte vielmehr zu bedenken geben, dass die blosse Benennung der Phänomene ein Verständnis oder eine Klarheit suggeriert (Wortmagie), welche so nicht gegeben sind und welche dann durch wissenschaftliche oder mediale Bearbeitung simplifizierend erzeugt werden.

Oswald Neuberger zeigt dies in seinem Buch über Mobbing exemplarisch auf.

Der Begriff des „reverse rumpelstiltskin effect“ findet in einem anderen Sinne in der aktuellen Finanzwirtschaftslage Verwendung, wo Rating-Agenturen und Wertschriftenmakler fleissig Gold zu Stroh spinnen.

Die drei Federn – eine Betrachtung

3 FedernDie drei Federn – eine Betrachtung.
Märchentext: Brüder Grimm, KHM 63.
Märchentyp:  ATU 402

Grundlage für die Betrachtung und gedanklichen Assoziationen: Ein lebhaftes Gespräch unter Märchenerzählerinnen und Märchenerzählern an einem Winterabend in Muttenz.

Die drei Federn

Es war einmal ein König, der hatte drei Söhne, davon waren zwei klug und gescheit, aber der dritte sprach nicht viel, war einfältig und hieß nur der Dummling. Als der König alt und schwach ward und an sein Ende dachte, wußte er nicht, welcher von seinen Söhnen nach ihm das Reich erben sollte. Da sprach er zu ihnen ‘zieht aus, und wer mir den feinsten Teppich bringt, der soll nach meinem Tod König sein.’

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Die drei Muhmen – eine Betrachtung

Die Spinnerin (Vincent van Gogh, 1889)Dieses Märchen hat uns die Märchenerzählerin S. in einer Märchenrunde mit sechs Märchenkolleginnen erzählt in der Version von Rudolf Geiger “Die drei Schwestern der Mutter” . Viele Elemente dieser Betrachtung kristallisierten anschliessend am lauen Maiabend im unserem Garten.

Das Märchen erinnert stark an „Die drei Spinnerinnen“ bei den Brüdern Grimm, KHM 14 und entspricht dem Märchentypus ATU 501.

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Märchen und Risiko

Das tapfere Schneiderlein

Das tapfere Schneiderlein

Mir ist ein 5 Jahre alter Artikel unter die Augen gekommen (Vielen Dank, Irene Briner), der Risikoverhalten in Märchen vergleicht.

Referenz: Pontzen, H. (2005) “Märchen und Risiko”, auf risknet.de.

Das tapfere Schneiderlein und die Riesen in der Darstellung von Alexander Zick (1845 – 1907)

Dazu hat es bei mir noch etwas weiter gesponnen:

Es gibt die Draufgänger, die kein Risiko scheuen, wie die Bremer Stadtmusikanten oder das Tapfere Schneiderlein. Allerdings ist ihre Risikostrategie nicht besonders reflektiert und gleicht eher dem Mut der Verzweiflung (Bremer Stadtmusikanten) oder entspringt schlichter Selbstüberschätzung (Das tapfere Schneiderlein). Was würde passieren, wenn diese Helden es mit, sagen wir ‘mal, intelligenteren Gegnern zu tun bekämen?

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Arbeitskreis Management und Märchen

Der Arbeitskreis Management und Märchen wurde initiiert durch Prof. em. HSG Dr. Rolf Wunderer und Irene Briner und gegründet am 6. Oktober 2008 in Zürich als freier Arbeitskreis der Schweizerischen Märchengesellschaft SMG.

Artikel über den Arbeitskreis erschienen in der Oktobernummer der Zeitschrift Parabla

Unser Ziel

Management und Märchen – Kund- und Botschafter in Märchen und Arbeitswelten

 

Unsere Mittel und Wege

  • Anstreben von Perspektivenwechsel und Querdenken in Management- und Märchenforschung
  • Fördern einer Dialogkultur zwischen beiden Disziplinen – auch im AK
  • Mehrdimensionalität und Interdisziplinarität (alle Verknüpfungen sind möglich)
  • Wissensaufbau (vorrangig für uns selbst) aus Publikationen und durch Diskussionen
  • Publizieren unserer Erkenntnisse (langfristig)
  • Transfer und Vermittlung in Seminaren, Vorträgen, Publikationen, Gesprächen
  • Finanzielle Aspekte

Zwei Arbeitskreismitglieder sind über längere Zeit für die Organisation und die Kontakte (intern und extern) verantwortlich. Für inhaltliche Schwerpunkte übernehmen auch die anderen Mitglieder die Verantwortung.