Schlagwort-Archiv: Religion

Märchen und Mythen

Tafel mit Gilgamesch-Epos

Mythen …

(Bild: Tafel mit Gilgamesch-Epos) Mythen sind Geschichten aus uralter Zeit. Immer versuchen sie eine Erklärung oder Herleitung für Dinge und Umstände zu finden, für welche keine bekannten Tatsachenberichte oder anderen rationalen Erklärungen vorliegen. Mythen erheben immer einen gewissen wissenschaftlichen Anspruch im Sinne, dass sie fundierte Erklärungsmodelle, Theorien liefern.

Keine Kultur, keine Religion kommt ohne Mythen aus. Oft verhelfen die Mythen sogar zur Identitätsfindung eines Volkes oder einer Kultur. Ohne die Mythen aus den Hochkulturen des Vorderen Orients und Ägyptens wüssten wir wenig über die grossen kulturellen Umwälzungen beim Übergang von den matrifokalen zu den patriarchalischen Gesellschaften. Ohne die Mythen des griechischen Altertums hätten wir nur eine sehr bescheidene Vorstellung vom alten Griechenland. Ohne das Alte Testament wäre kein Volk Israel, kein jüdischer Staat denkbar; und natürlich auch keine Christenheit. Der Mythos von Wilhelm Tell hat die Kultur der Schweiz und der Schweizer geprägt, selbst bei denen, die die Existenz Wilhelm Tells völlig verneinen.

Bodmin Moor (Cornwall UK): König Arthurs HalleHeute ist das Thema der Entstehung der Welt bei uns „entmythifiziert“. Aber Menschen brauchen offenbar Mythen. Die modernen Mythen befassen sich mit uns näherliegenden Themen, wie etwa die Mythen, die sich um das Geld, um das Gehirn, um medizinischen Fortschritt oder um die Bedeutung der Information drehen. Auch moderne Mythen erheben wie im Altertum den Anspruch wissenschaftlich fundiert zu sein.

Typisch für die Mythen war und ist nicht nur ihr Anspruch, Geschichtsschreibung und fundierte Theorie zu sein, sondern auch, dass es viele verschiedene, widersprüchliche Erklärungsmodelle für die Welt geben kann. Oft existierten zur gleichen Zeit in derselben Kultur Mythen, die analytisch betrachtet sich völlig widersprachen. Selbst im Alten Testament gibt es zwei Versionen der Entstehung des Menschen. Auch Gott erscheint einerseits als Elohim, dem freundlichen und fürsorglichen Gott, in welchem die Götter der Nachbarvölker der Israeliten zum höchsten Gott vereint sind (deshalb ist Elohim ein Plural) und der in Genesis 1 liebevoll die Welt erschafft und sich selber daran freut. Anderseits und zunehmend erscheint Gott als strenger patriarchalischer Jahwe, der Adam und Eva aus dem Paradies wirft und später das Volk Israel zu militärischen Siegen führt.

… und Märchen

In den Märchen ist im Gegensatz zu den Mythen die Welt einfach da; sie ist wie sie ist. In Entwicklung sind dafür umso mehr die Menschen. Für sie möchte das Märchen Hilfe und Anleitung auf den Lebensweg geben, ermutigen und Zuversicht verbreiten, dass der Weg, obwohl gespickt mit Prüfungen, letztlich zu einem guten Ende führt.

Die Gemeinde- und Schulbibliothek Gelterkinden führt seit mehreren Jahren die Tradition des freien Erzählens von Märchen weiter. Freuen wir uns auch dieses Jahr auf das Hören und Miterleben von Märchen und Mythen.

Nähere Auskunft: Urs Volkart Tel 061 981 44 72, urs.volkart@maerchenquelle.ch;
oder Gemeinde- und Schulbibliothek Gelterkinden, Sissacherstrasse 20, Telefon 061 981 43 81.

Eid ul-Fitr und Rosch Haschanah 2009

Gemeinsame Feste feiern können, dürfen, wollen.

Das Friedensdorf Neve Schalom – Wahat al-Salam (NSWAS) an der Grenze Israels zum Westjordanland pflegt diese Gelegenheiten als wichtiges Integrationselement. Es gibt ja noch genug Gelegenheiten, uneins zu sein. Aber an gemeinsamen Festen vertieft sich das gegenseitige Verständnis, die gegenweitige Akzeptanz; wohl, weil man sich primär als Mensch und nicht als Andersdenkender begegnet.

Mitte September gab es wieder einmal die Möglichkeit praktisch zeitgleich das Ende der muslimischen Fastenzeit Eid ul-Fitr und das jüdische Neujahrsfest Rosch Haschanah zu feiern. Auch das Fest von Mohammeds Himmelsreise und das christliche Fest der Kreuzerhöhung waren noch nicht lange vorbei.

Ich zeige dazu 2 Photographien, die auf Picasa abgelegt sind.

Das vergangene Jahr war ja nicht ein besonders einfaches, wie Evi Guggenheim-Shbeta, eine der Pionierinnen von NSWAS schreibt: Der grausame Kriegszug der Israeli in den Gazastreifen, die dauernde Bedrohung der Bewohner des südlichen Israels durch die palästinensischen Raketen, auf beiden Seiten die Ängste um die Verwandten und Bekannten, die Krieg, Bomben und Raketen ausgesetzt waren – auch als Angehörige der Armeen.

Die heilige Martha und der Seedrache Tarasque

Jan Vermeer: Jesus bei Martha und Maria von MagdalaMartha war die Schwester von Lazarus und Maria Magdalena, in deren Haus Jesus häufig zu Gast war. Wir kennen aus den Evangelien zwei Szenen:

  • Die eine, als Martha sich daran stiess, dass sie die ganzen Vorbereitungen für das Gastmahl allein machen musste, während ihre Schwester Maria  Jesus zu Füssen sass und ihn (im wahrsten Sinne des Wortes) anhimmelte. (Gemälde von Jan Vermeer)
  • Die zweite Szene ist die Auferweckung des Bruders Lazarus, drei Tage nach dessen Tod, wo Martha Jesus davor warnte, das Grab zu öffnen, weil Lazarus‘ Leiche doch schon ziemlich verjäst sei.

In beiden Szenen erfährt Martha, dass sie ihre starke Verankerung im Praktischen und Physischen durch die höher einzuschätzende Spiritualität ergänzen solle.

Von Martha berichten die Evangelien nichts mehr weiter, dafür erzählt man sich eine schöne Legende mit der Bezwingung eines Drachens, in welcher ihr Sinn fürs Anpacken von Arbeit zum Tragen kommt:

(Mehr Drachenmärchen an meinem nächsten Erzählabend)

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Wie die Torah zu den Menschen kam

Torah

Torah

Einst wurde Moses in den Himmel zu Gott gerufen. Die Engel fragten: „Was will der vom Weib geborene unter uns ?“ Gott antwortete: „Die Torah zu empfangen, ist er gekommen.“ Die Engel aber protestierten dagegen, dass die Torah, die seit 974 Generationen von der Erschaffung der Welt an im Himmel aufbewahrt wurde, einem Menschen übergeben werden sollte.

Da wies Gott Moses an, zu den Engeln zu reden. Aber Moses getraute sich nicht, sich vor den Engeln zu rechtfertigen. Da rief Gott Moses zu sich, damit er sich an seinem Thron festhielte. Erst jetzt begann Moses zu den Engeln zu sprechen:  Weiterlesen

Nathan der Weise – ein Märchen ?

Gestern abend haben wir im Goetheanum in Dornach das Schauspiel „Nathan der Weise“ genossen. Lessing nannte es ein „dramatisches Gedicht“. In der Tat ist es nicht nur eine Lehrgeschichte, sondern ein spannender Krimi ! (Fotos: Charlotte Fischer www.lottefischer.de)

Nathan der Weise: Recha und Nathan

Nathan der Weise: Recha und Nathan

Der Plot des Stücks ist zumindest im 2.Teil etwas „gesucht“, aber er soll ja auf die wichtige Aussage hinführen, dass alle Menschen Brüder und Schwestern und in erster Linie Menschen, nicht Angehörige eines Volkes, einer Religion, eines Ordens oder sonst einer Ego-Identifikation sind.

Neben dem bekanntesten Teil, der Ringparabel, die Lessing übrigens von Boccaccio übernommen hatte, sind mir eine ganz Reihe noch fast wichtigerer Vers-Passagen aufgefallen. Die vordergründige Ausage des „Geschichtchens“, welches Nathan dem Sultan Saladin erzählt, ist die, dass alle drei abrahamitischen Religionen legitime Nachkommen eines ursprünglichen Gottesverständnisses sind. Weiterlesen

Der weisse Hirsch

Der Hirsch ist in vielen Religionen das Symbol für den sterbenden und wiederauferstehenden Gott. Im Christentum ist der Hirsch ein Symbol für Jesus Christus. Den Heiligen Eustachius und Hubertus begegnete Gott bzw. Christus in der Gestalt eines Hirsches mit dem Kreuz zwischen den Hörnern.

Der Hirschgott Cernunnos auf dem Kessel von Gundestrup

Der Hirschgott Cernunnos auf dem Kessel von Gundestrup

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Der heilige Hubertus

St. Hubertus

St. Hubertus

Historisch: Hubertus von Lüttich lebte um 700 pCn in den heutigen Ländern Frankreich und Belgien, zuletzt als Bischof von Lüttich (Liège). Die Zeit vor seiner Priesterweihe lebte er als Einsiedler in den Wäldern der Ardennen.

Legende: Auf der Jagd begegnete ihm ein Hirsch mit dem Kreuz zwischen den Hörnern: eine Gotteserfahrung.

Seine Geschichte ähnelt stark derjenigen des heiligen Eustachius aus dem 2.Jhdt. pCn.

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Unsterbliche, auf weissem Hirsch reitend

 
 
A Female Immortal Riding on a White Deer (Japan, 19. Jhdt.)

A Female Immortal Riding on a White Deer (Japan, 19. Jhdt.)

Eine Frau reitet auf einem weissen Hirsch. Wunderschönes Seidengemälde von Kishi Ganku, Beginn des 19. Jhdts. (Edo-Periode), Japan.

Interpretation des Bildes: Die Frau ist die Darstellung des ewigen Lebens. Auch der weisse Hirsch symbolisiert in Japan ein langes Leben.

Auch wenn die ostasiatische Kultur gerade den Tieren anderen symbolischen Gehalt zuordnet als die indoeuropäische, erinnert mich das Bild an den Hirsch als Reittier des Schamanen unterwegs in die Anderwelt (in der schamanist. Kultur: die Welt der Toten) und zurück.

Auch die ganze Symbolik von Tod und Auferstehung kommt mir in den Sinn.

Sant'Umberto di Cassina

Kapelle Sant'Umberto Meride

Kapelle Sant'Umberto Cassina, Meride

In der Waldlichtung Cassina (z.T. auch Cascina geschrieben), auf der Südseite des Monte San Giogio oberhalb von Meride (Schweiz, Tessin) steht eine Hubertus-Kupelle (ital.: Sant’Umberto).

Das Bild zeigt einen Jäger, dem ein Hirsch mit dem strahlenden Kreuz zwischen den Hörnern erscheint.

In den Märchen ist der Hirsch eine wichtige und häufige Gestalt. Wie viele europäische Märchen enthält auch die Hubertus-Legende eine Integration vorchristlicher göttlicher Figuren aus schamanistischen und totemistischen Kulturepochen mit christlichen Bildern.

Der Hirsch gilt allgemein als Christus-Symbol. Das Bild stellt somit eine Gotteserfahrung dar.

Die Wanderung vom Lago die Lugano vom Ort Brusino-Arsizio (Schifffahrt von Lugano) hinauf über die Alpe Brüsin (mit Grotto) auf den Monte San Giorgio (mit prächtiger Rundsicht) und dem Abstieg über Cassina nach Meride ist wunderschön. Der Monte San Giorgio ist im Übrigen vor allem ein Wallfahrtsort für Geologen und Geobotaniker.