Kategorie-Archiv: Märchen und mehr …

Märchen und Mythen

Tafel mit Gilgamesch-Epos

Mythen …

(Bild: Tafel mit Gilgamesch-Epos) Mythen sind Geschichten aus uralter Zeit. Immer versuchen sie eine Erklärung oder Herleitung für Dinge und Umstände zu finden, für welche keine bekannten Tatsachenberichte oder anderen rationalen Erklärungen vorliegen. Mythen erheben immer einen gewissen wissenschaftlichen Anspruch im Sinne, dass sie fundierte Erklärungsmodelle, Theorien liefern.

Keine Kultur, keine Religion kommt ohne Mythen aus. Oft verhelfen die Mythen sogar zur Identitätsfindung eines Volkes oder einer Kultur. Ohne die Mythen aus den Hochkulturen des Vorderen Orients und Ägyptens wüssten wir wenig über die grossen kulturellen Umwälzungen beim Übergang von den matrifokalen zu den patriarchalischen Gesellschaften. Ohne die Mythen des griechischen Altertums hätten wir nur eine sehr bescheidene Vorstellung vom alten Griechenland. Ohne das Alte Testament wäre kein Volk Israel, kein jüdischer Staat denkbar; und natürlich auch keine Christenheit. Der Mythos von Wilhelm Tell hat die Kultur der Schweiz und der Schweizer geprägt, selbst bei denen, die die Existenz Wilhelm Tells völlig verneinen.

Bodmin Moor (Cornwall UK): König Arthurs HalleHeute ist das Thema der Entstehung der Welt bei uns „entmythifiziert“. Aber Menschen brauchen offenbar Mythen. Die modernen Mythen befassen sich mit uns näherliegenden Themen, wie etwa die Mythen, die sich um das Geld, um das Gehirn, um medizinischen Fortschritt oder um die Bedeutung der Information drehen. Auch moderne Mythen erheben wie im Altertum den Anspruch wissenschaftlich fundiert zu sein.

Typisch für die Mythen war und ist nicht nur ihr Anspruch, Geschichtsschreibung und fundierte Theorie zu sein, sondern auch, dass es viele verschiedene, widersprüchliche Erklärungsmodelle für die Welt geben kann. Oft existierten zur gleichen Zeit in derselben Kultur Mythen, die analytisch betrachtet sich völlig widersprachen. Selbst im Alten Testament gibt es zwei Versionen der Entstehung des Menschen. Auch Gott erscheint einerseits als Elohim, dem freundlichen und fürsorglichen Gott, in welchem die Götter der Nachbarvölker der Israeliten zum höchsten Gott vereint sind (deshalb ist Elohim ein Plural) und der in Genesis 1 liebevoll die Welt erschafft und sich selber daran freut. Anderseits und zunehmend erscheint Gott als strenger patriarchalischer Jahwe, der Adam und Eva aus dem Paradies wirft und später das Volk Israel zu militärischen Siegen führt.

… und Märchen

In den Märchen ist im Gegensatz zu den Mythen die Welt einfach da; sie ist wie sie ist. In Entwicklung sind dafür umso mehr die Menschen. Für sie möchte das Märchen Hilfe und Anleitung auf den Lebensweg geben, ermutigen und Zuversicht verbreiten, dass der Weg, obwohl gespickt mit Prüfungen, letztlich zu einem guten Ende führt.

Die Gemeinde- und Schulbibliothek Gelterkinden führt seit mehreren Jahren die Tradition des freien Erzählens von Märchen weiter. Freuen wir uns auch dieses Jahr auf das Hören und Miterleben von Märchen und Mythen.

Nähere Auskunft: Urs Volkart Tel 061 981 44 72, urs.volkart@maerchenquelle.ch;
oder Gemeinde- und Schulbibliothek Gelterkinden, Sissacherstrasse 20, Telefon 061 981 43 81.

Ein Märchenabend in der Sternwarte Schafmatt

Märchen und Sagen von Mond und Sonne, Planeten und Sternen, erzählt in einer Sternwarte. Ein grosses Spiegelteleskop dominiert den Zuschauerraum. Draussen pfeift der Wind und prasselt der Regen. Keine Chance, dass Dach der Sternwarte zu öffnen, um den Mond , den Planten Jupiter und die Sternbilder „live“ zu sehen.

Urs erzählt in der Sternwarte

Urs erzählt in der Sternwarte. Das tolle Spegelteleskop steht halbverhüllt im Zentrum.
Das Dach bleibt geschlossen. Draussen “chuttet’s”.

Was eher nach einer na ja-Veranstaltung tönt, war in Wirklichkeit ein stimmungsvoller Abend in der Sternwarte Schafmatt, auf dem Jura-Passübergang zwischen Oltingen und Rohr. Ich erzählte eine bunte Folge von Märchen von Mond, Sonne und Sternen im ersten Teil. Im zweiten Teil gab es Geschichten zu einigen Sternbildern und dazu die antike Sage von Jupiter und Kallisto.

Heiner Sidler AVA

Heiner Sidler von der AVA erzählt, was die Astronomen über den Mond wissen.

Heiner Sidler von der astronomischen Vereinigung Aarau (AVA), der die Sternwarte gehört, berichtete aus der Sicht der Astronomen und erläuterte dem interessierten Publikum aktuelle Hypothesen und Theorien zum Mond, zu Meteoriten und zum Planetensystem. Obwohl das Publikum eher von der „Märchenseite“ her gekommen war, folgte es fasziniert seinen Ausführungen.

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Danaë – etymologisches und etwas mythologisches

Die Geschichte von Danaë und Perseus >>

Betrachtung zur Geschichte von Danaë >>

Danae auf einer böotischen Gefäss des 5. Jhdts. aCnDanaë soll etymologisch „ausgedörrt”, „am Verdursten” bedeuten, also vom griechischen Adjektiv δανóς  her kommen, so hergeleitet z.B. in Wikipedia .

Obwohl das angesichts der möglicherweise nach Liebe dürstenden Danaë, welche ja auch mit einem goldenen Regen beglückt wird, inhaltlich plausibel erscheint, sprechen m.E. sprachliche Gründe dagegen:

  1. Das erste „a” in δανάη ist kurz, während dasjenige in δανóς =„trocken, dürr” lang ist. Vokallängen in Wortstämmen sind sprachgeschichtlich aber eher konservative Elemente.
  2. Das Adjektiv δανóς ist endbetont, während δανάη auf der zweitletzten Silbe betont wird.
  3. Der Wortstamm „dăn” mit kurzem „a” bedeutet im indoeuropäischen „Wasser”.
  4. Der Wortstamm „dān” mit langem „a” bedeutet im semitischen „Richter” und findet sich auch in der Bibel. Eine Verbindung zur Danaë und dem Stamm der Danaër in der antiken Argolis ist nicht ersichtlich.
  5. Ein „αν” oder „α” als Präfix könnte im griechischen durchaus eine Negation („wasserlos”) sein.
    Dass dies auch für ein nachgestelltes „-α(ν)” gälte, ist mir als Laien noch nie begegnet.

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Drachenkräfte — von den Drachen in uns und um uns herum

Die folgenden Gedanken erheben weder Anspruch auf vollständige Behandlung des Themas noch auf Wissenchaftlichkeit. Als Grundlagen dienten mir verschiedene Artikel in der Zeitschrift Märchenforum 1/09. Ausserdem erhielt ich Impulse bei der Lektüre eines Buches von Fritz Bachmann: „Getragen von Engeln und Elementarwesen“. Eigene Nachforschungen führten mich weniger zu den Brüdern Grimm als in die Bibel. Und die Quellen vieler Assoziationen kann ich nicht mehr rückverfolgen – da sammelt sich eben bei mir allerlei Wissen ohne Quellenerinnerung an.

Urs Volkart, im April 2009 Weiterlesen

Die Madonna und der Drache

Zusammenfassung von Motiven und einige Gedanken zu diesem Märchen, das sich unter anderem in folgendem Büchlein findet:
Studer-Frangi, Silvia (2008), Italienische Märchen, Königsfurt Verlag, ISBN: 3-86826001-3.

Der Handlungsablauf des Märchens geht, ganz unmärchenhaft zusammengefasst, so:

  1. Es gibt einen besonderen Ort, wo man um Mitternacht Glocken läuten hört.
  2. Dort tief unten befinden sich in einer Höhle, zugänglich durch einen Erdspalt, ein Drache und die heilige Madonna.
  3. Die Madonna hütet den Drachen und verhindert durch Läuten der Glocken, dass der Drache um Mitternacht an die Erdoberfläche steigt und Leute verschlingt.
  4. Eine Frau, die alles Vertrauen ins Leben verloren hat und “am Ende” ist, nicht mehr singen kann, nutzt ihre Chance und steigt in die Höhle hinunter.
  5. Sie hilft der erschöpften Maria beim Läuten der Glocken bzw. singt, um den Drachen im Zaum zu halten.
  6. Der Drache verwickelt seinen Schwanz in die Glockenseile und kann sich fortan selber mit Geläut beruhigen.
  7. Die Madonna geht mit der Frau mit und hilft ihr im Leben.
  8. Die Frau mag wieder singen.

Bemerkenswert ist, dass hier nicht der Drache die Jungfrau hütet, sondern die Jungfrau den Drachen (3, 5). Es handelt sich eben nicht um eine gewöhnliche Jungfrau, sondern um die Madonna, die spirituelle Tochter der Gaia. Oder wie ich es kürzlich gehört habe: die durch Christuskraft transformierte Gaia.

Die Frau findet in der Höhle (4) meiner Meinung nach also nicht nur ihre Urkraft, den Drachen, sondern zugleich ihren durch die Madonna symbolisierten göttlichen Kern. Kein Wunder, dass sie nach diesem Abenteuer, welches sie vor dem Selbstmord oder der Depression gerettet hat, wieder singen mag (8). Sie hat den Zugang zu ihrem wahren Selbst und zu ihrer Stärke gefunden, was ihr im Leben hilft (7).

Höhlen sind der Schoss von Mutter Erde. Dorthin ziehen sich Drachen zurück, die an der Erdoberfläche verdrängt werden (2). Wir Menschen oben nehmen sie als Bedrohung war und fühlen uns als Opfer. Sicherheitshalber muss der Drache deshalb in der Höhle bleiben (6).

Zahlen im Märchen

Die sieben RabenDie Verwendung der Jahrtausende alten Zahlensymbolik unterstreicht, dass die Märchen 

  1. eine uralte Tradition haben,
  2. etwas allgemein Gültiges aussagen und
  3. wie die Mythen die göttliche Ordnung der Welt darstellen wollen.

Zur Zahlensymbolik und Zahlenmystik (Numerologie) gibt es sehr viel Literatur jeglichen Niveaus. Da die Bedeutung der Zahlen nicht in allen Kulturen genau dieselbe ist, müssen wir in den Märchen (wie bei allen Deutungsversuchen) den kulturhistorischen Kontext beachten. Unsere europäischen Märchen sind natürlich stark geprägt von der jüdisch-christlichen Zahlenmystik, von welcher es ja auch in der Bibel wimmelt.

Beispiele mit möglichen Anwendungen im Märchen:

 1

Einheit, Einzigartigkeit, in der Regel als Ziel des Märchens (Heirat), aber auch als Anfang (Göttlicher Ursprung).

 2

Teilung (unten-oben, Tag-Nacht. Yin-Yang usw.).

 3

Vater-Mutter-Kind, Trinität, eine vollkommene Einheit (oft am Anfang und am Ende eines Märchens); starke Bestätigung.
In den Märchen sehr verbreitet für Wiederholungen (Handlungserfolg erst im 3. Anlauf).

 4

etwas Umfassendes, alles abdeckendes (Die 4 kunstreichen Brüder),
das Irdische (im Gegensatz zur himmlischen Zahl 3).

 5

Pentagramm vor allem in der jüdisch-orientalischen Zahlenmystik als Symbol für den Menschen, selten im Märchen.

 6

noch nicht vollkommen (→ 7), erst die Hälfte von 12;
nicht so oft im Märchen verwendet (Sechse kommen durch die ganze Welt);
Mathematik: 6 ist eine perfekte Zahl 1+2+3=6 und 1x2x3=6.

 7

Vollendung eines wiederholbaren Zyklus’. Vollkommenheit. 3+4=7.
Als Zahl verbreitet in den Märchen (7 Geisslein, Zwerge, Raben, Schwaben; Sieben auf einen Streich usw.)

 12

Heilige Ordnung. Im Altertum war ja das Duodezimalsystem weit verbreitet.

 13

Störung der heiligen Ordnung (Die 13. Fee im Dornröschen).

 40

beliebt für Zeitangaben (40 Jahre entsprechen 1 Generation). Dauer von Prüfungen.

Beliebt sind auch Vielfache dieser Zahlen.

Sehr typisch sind in den Märchen die Wiederholungen, von Ereignissen, Versen usw. Meistens braucht es drei Anläufe bis die Geschichte weitergehen kann.

Jüdische Märchen und Musik

Synagoge Basel

Synagoge Basel

Basel, 8.März 2009

Aus Anlass des Todestages der Märchenerzählerin Ruth Nordmann organisierte die Schweizerische Märchengesellschaft im Saal der Israelitischen Gemeinde Basel einen wahrhaft märchenhaften Anlass.

Gidon Horowitz und Mitglieder des Basler Märchenkreis’ erzählten jüdische Märchen und Legenden, vornehmlich aus der reichen chassidischen Tradition. Die oft wenig komfortable Lebenssituation der Ostjuden war wohl ein guter Nährboden für Geschichten, die Mut und Hoffnung geben, eine wichtige Funktion, die Märchen ja immer noch haben. Weiterlesen

Märchenhafte Geschichten

Einige Gedanken zu den verschiedenen Arten von märchenhaften Geschichten:

Titelbild Brüder Grimm KHM

Volksmärchen

Bei einem typischen Volksmärchen gibt es keine/n Urheber/in. Manchmal kann man seine Motive  weit zurückverfolgen und sie in den spärlichen Aufzeichnungen von Geschichten aus der Zeit der alten Ägypter und Assyrer wiederfinden. Aus den meisten Kulturen der Welt fehlen uns frühe schriftliche Zeugnisse.

Selbst wenn ein Erstautor ausfindig gemacht werden könnte, die Evolution eines Märchens geschah und geschieht kontinuierlich und schnell: Märchen verbreiten sich in neue Kulturkreise und erhalten neue „Gewänder“ oder gar neue Motive. Märchenerzählerinnen legen ihre eigenen Schwerpunkte, kombinieren Motive aus verschiedenen Märchen. Neue Märchen entstehen so und verbreiten sich oder gehen vergessen. Der „Autor“ eines Volksmärchens ist also gewissermassen „das Volk“.

Obwohl ein Urhebertum für Volksmärchen nicht gegeben ist, würdige ich an Erzählanlässen oder in schriftlichen Beiträgen die grossen Sammler und Bearbeiter von Märchen als Quellenangabe. Ihnen ist es zu verdanken, dass die mündlich überlieferten Märchen eine literarische Form erhalten haben und auf diese Weise sich in den Stuben der Bürger, die Lesen und Schreiben konnten, trotz derer Entfremdung vom Volksgut etablierten. Märchen als Lesestoff waren und sind attraktiv, auch weil sie kurz, unterhaltsam, fantasieanregend sind und glücklich enden.

Hans im Glück (Märchenbrunnen Friedrichshain Berlin)Die mündliche Tradition der Märchen verlagerte sich mit der Zeit zubehmend in die unteren sozialen Schichten. Damit erklären manche Märchenforscher/innen die starke Betonung des Erfolgswegs der „Armen“ und „Dummen“. Allerdings handelt es sich auch bei den Armen und Dummen oft um Königskinder (symbolisch für „in ihrem Ursprung vollkommene Wesen“), die einen Weg zur Wiedererlangung der Einheit suchen und finden. Märchen sind – auf welcher Ebene auch immer betrachtet – Utopien des Glücks.

Die Aufgaben, welche die Märchenheldinnen und Märchenhelden zu lösen haben, sind zumeist „unlösbar“ und oft mit Todesdrohungen verbunden. Die modernen Motivationstheorien und Coachingtechniken würden hier gar nicht helfen. Die Aufgaben erweisen sich aber als lösbar, weil genau (und oft erst) im richtigen Moment diejenigen Hilfen und Mittel zur Verfügung stehen, die dann nötig sind. Diese Zuversicht unter anderem macht Märchen zu einem idealen Lebensbegleiter.

Weibliche Gestalten, Märchenheldinnen sind statistisch häufiger als männliche. Man könnte spekulieren, ob das mit den Wurzeln der Märchenmotive in den matriarchalen Kulturen und Zeitaltern in Zusammenhang steht. Allerdings sind auch „die Bösen“ oft weiblich. „Als abgewandelte Gute“ (Mutter→böse Mutter/Stiefmutter, weise Frau→Hexe usw.) spiegeln sie vielleicht die Verteufelung des göttlichen Weiblichen in den darauffolgenden patriarchalen Zeitaltern.

Rotkäppchen (G.Doré)Zaubermächtige oder allwissende Helferwesen und die entsprechenden hilfreichen Wundermittel sind in den Zaubermärchen etwas Selbstverständliches. Entsprechend selbstverständlich gehen die Märchenheldinnen und Märchenhelden damit um. Typisch ist auch das Eingreifen nicht menschlicher Gewalten bis hinein in den Alltag, der Auftritt archetypischer Gestalten (Zwerge, Riesen, Feen, Hexen, Drachen), redender Tiere, vezauberter Menschen in Pflanzen- und Tiergestalt.

Für die in „social correctness“ erzogenen Erwachsenen ist ein weiteres typisches Element der Volksmärchen, die Belohnung der/des Guten – Bestrafung oder gar Vernichtung der/des Bösen manchmal fast unerträglich.

Im Volksmärchen erfahren wir – im Gegensatz zu einem Kunstmärchen – wenig über die Gefühle der Märchenheldinnen und Märchenhelden. Auch die Überlegungen und Pläne, die zu einem bestimmten Handeln führen, bleiben oft verborgen. Sie zweiflen nie und wundern sich selten über das was ihnen zuteil wird. Die Märchenheldinnen und Märchenhelden handeln einfach und gehen ihren Weg, meist ja von einigen Irrwegen bestimmt.  Trotzdem bieten die Gestalten des Märchens mancherlei Identifikationsmöglichkeiten und Projektionsflächen, fordern unsere moralischen Denkweisen heraus.

Froschkönig (W. Crane)Der Auftritt nicht menschlicher Gewalten in den Alltag und die Verwendung von Zauberkräften weist darauf hin, dass im Märchen die Grenzen zwischen der sogenannten Realität und dem „Wunderbaren“ aufgehoben sind. Es geht nicht „normal“ zu und her. Volksmärchen haben eine Vorliebe für Extreme und Übertreibungen. Eine Kausalität in unserem Sinne scheint es nicht zu geben. Das – zumindest für das Erwachsenenbewusstsein – Unglaubliche und Unwahrscheinliche wird als selbstverständlich integriert.

Bei den Volksmärchen werden Zaubermärchen und Schwankmärchen unterschieden. Ich will im Moment nicht mehr darüber schreiben – die Bezeichnunen sagen ja schon einiges aus.

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Kunstmärchen

Kleine Meerjungfrau (H.C.Andersen)

Kunstmärchen beginnen sich erst anfangs 19. Jhdt zu entwickeln. Dichter schaffen bewusst neue Märchengeschichten, unter Verwendung der Symbolik und typischen Strukturelementen von Volksmärchen. Die für den Dichter charakteristische Sprache wird mit der Sprache tradierter Märchen gemischt. Die Gestalten sind oft psychologisch feiner gezeichnet. Beim Leser oder Zuhörer werden stärker Gefühle provoziert. An die Stelle des des derben Humors eines Schwankmärchens tritt feine Ironie, Satire und nicht selten explizite Gesellschaftskritik. In der Regel haben die Kunstmärchen auch eine klare „erzieherische“ Botschaft. Schön sind die Kunstmärchen alleweil.

Bekannte Märchendichter sind bei uns Hans Christian Andersen und Wilhelm Hauff. In der Epoche der Romantik haben nach J.W. von Goethe fast alle bekannten Dichter Kunstmärchen geschrieben. Kunstmärchen wurzeln viel Stärker als die Volksmärchen in den geistigen und moralischen Strömungen ihrer Entstehungszeit (Romantik, Bürgertum). Heutige Märchendichter/innen stehen wie etwa Manfred Kyber stark in dieser Tradition oder versuchen wie Anni Swan die Erzählweise alter Volksmärchen zu aufzunehmen.

Die Märchensammlungen der “klassischen” Autorinnen und Autoren (Brüder Grimm, Straparola, Basile, d’Aulnoy usw.) sind auch nicht einfach schriftliche Protokolle von mündlichen Erzählungen. Alle diese Autorinnen und Autoren haben ihre Märchen intensiv bearbeitet und gestaltet, inhaltlich und sprachlich. In letzter Konsequenz muss man also auch diese Märchensammlungen als Kunstmärchen bezeichnen.

Le corbeau et le Renard[Zurück zum Anfang]


Fabeln

sind witzige bis komische Gleichnisse. Das Typische in den Fabeln sind Tiere, die wie Menschen reden und sich verhalten. Die Tiere treten stellvertretend für Menschen auf und erlauben so mit etwas verfremdender Distanz Kritik an den Menschen. Fabeln enthalten immer eine abschliessende Moral, praktische Lebensweisheiten oder auch handfeste Gesellschaftskritik. Fabeln sind wegen ihrer Moral und Lebensweisheit auch typischer Schulstoff. Wer hat nicht in seiner Schulkarriere rezitiert “Maître Corbeau, sur un arbre perché, tenait en son bec un fromage. Maître Renard, …” ?!

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Ellesmere Handschrift

Sagen

Sagen haben einen engeren Bezug zur für alle nachprüfbaren Wirklichkeit. Sei nehmen Bezug auf bestimmte Orte, Begebenheiten oder historische Personen, was ihre Wahrheit beglaubigen soll. In den Sagen sind meist historische Kerne verborgen, die zum Beispiel auch den Geschichtsforschern Hinweise auf sonst nirgends dokumentierte Facts geben können. Man könnte die Sagen als eine Art volkstümliche Geschichtsschreibung betrachten, die besondere Ereignisse aus der Sicht der betroffenen Menschen darstellen. Manchmal soll auch einfach etwas „erklärt“ werden (auf die „grossen Fragen“ geben dann allerdings die Mythen Antwort). Sagen erzählen von der Auseinandersetzung mit der Umgebung, der Natur, der historischen Realität oder der Anderswelt. Im Gegensatz zum Märchen ist das Übernatürliche zwar auch allgegenwärtig, aber eher Angst einflössend als hilfreich. Die Sagenheldinnen und Sagenhelden gehen selten als strahlende Gewinner aus den Begegnungen mit dem Übernatürlichen hervor. Das erlösende Happy end ist in den Sagen kein Standard.

Meine Blog-Beiträge zum Thema Sagen.

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Mythen

Michelangelo Sixtina Erschaffung Adams 

Mythen liefern religiöse Erklärungen für „die Welt“. Statt menschlicher Heldinnen und Helden treten Gottheiten und Halbgötter auf. Menschen erscheinen eher als Marionetten oder stellvertretende Akteure auf der Erde.

Typische Fragestellungen, die Mythen beantworten sind: „Wie entstand die Welt ?“ „Woher kommt das Böse ?“ Warum gibt es das Weibliche und das Männliche ? (und andere Gegensatzpaare wie hell und dunkel, flüssig und fest, usw.). Mythen sind heilige Erzählungen, die ja auch eine Grundlage der heiligen Bücher aller Religionen bilden.

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Legenden

sind religiös geprägte Erzählungen, die aus dem Leben bestimmter Personen (z.B. der Heiligen) erzählen. Sie sollen oft eine erzieherische Wirkung erzeugen oder religiöse Dogmen „beweisen“.

Meine Blog-Beiträge zum Thema Legenden.

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Sinngeschichten

(noch kein Text zu Sinngeschichten) [Zurück zum Anfang]


Novellen mit Märchenmotiven und -symbolik

(noch kein Text dazu) [Zurück zum Anfang]


Die Gänsehirtin am Brunnen

Die Gänsehirtin am Brunnen (Gemälde von Georg Mayer-Franken, Pfalzmuseum Forchheim)In der Sammlung der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm findet sich eine immer wieder verblüffend breite Palette von Geschichten. Wilhelm Grimm, dessen Tod sich 2009 zum 150. mal jährt, hat die meisten Märchen intensiv sprachlich und oft auch inhaltlich überarbeitet, aber offenbar auch bewusst gewisse stilistische Eigenheiten der Vorlagen bewahrt.

Im Märchen KHM 179 “Die Gänsehirtin am Brunnen (» Text)” wechselt mehrmals die Erzählperspektive, fast wie in einem Film: Wir folgen zuerst den Erlebnissen des Grafen mit der alten Frau; dann erfahren wir aus dem Munde der Königin in der Rückschau (auch das stilistisch selten in einem Volksmärchen) die Geschichte ihrer jüngsten Tochter; jetzt “schwenkt die Kamera life” zu eben dieser Tochter bei der alten Frau; am Ende begleiten wir erneut den Grafen bis zur glücklichen Vereinigung und Erlösung. Und auch der Märchenerzähler mischt sich noch in der “ich”-Form ein, wie das sonst eher in mediterranen oder orientalischen Märchen verbreitet ist.

Zur Märchenbetrachtung »».

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